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Alpine Klettertour mit Ausbildung

27.06.2010 - 30.06.2010
Autor: Roswitha Hofmann
Tour-Nr.: 2010/10

Alte Hasen mit Greenhorns on Tour in den Allgäuer Alpen

Wenn Peter seine „Klettertour mit Ausbildung“ ausschreibt sind die Plätze jedes Mal heiß begehrt. Und wenn dann routinierten Alpinisten zusammen mit mehr oder weniger erfahrenen Anfängern in den Vereinsbus steigen, verspricht es von vorn herein eine spannende, interessante aber auch amüsante Tour zu werden. Zum Glück wissen manche nicht so ganz genau, was auf sie zukommen wird … : - ))

Als Basislager wurde die Hermann von Barth-Hütte oberhalb von Elbigenalp gewählt, da der Standort ideale Bedingungen für Ausbildung und erste Gipfelerlebnisse bietet. (Außerdem ist die Küche dort vom Feinsten …!). Mit von der Partie waren: Peter und Conny als unsere Profis - sprich Fachübungsleiter, Erwin und Hanne, DAV-erprobt, trittsicher und routiniert, Martin aus Buch am Wald und Sebastian extra angereist aus Bad Kissingen, beide bevorzugten bisher die Kletterwand bzw. gemäßigte Höhen in der Fränkischen, sowie Rosi aus Lehrberg, die zwar öfter mit dem Bike Höhenmeter macht als zu Fuß oder per Seil, aber bei Peter bereits Höhenluft im luftigen Klettersteig geschnuppert hatte.

Bei hoch sommerlichen Temperaturen machte sich diese bunt gemischte Truppe vom Parkplatz an der Holzfachschule in Elbigenalp auf zum schweißtreibenden Aufstieg zur Hermann von Barth-Hütte. Nach einer knappen Stunde durften wir unser Gepäck und die Ausrüstung in den Lastenaufzug werfen, dafür zahlten wir gerne ein paar Euro. Oben angekommen gab´s ´ne kurze Stärkung, doch dann konnten sich die warm gelaufenen Muskeln sofort an den „Basic Climbs“ der Wolfebener Westwand versuchen. Für die Erfahrenen unter uns ein willkommenes lockeres Eingewöhnen, unserer Rosi mussten wir aber erst mal wieder die Grundbegriffe beibringen, da der Felsgrundkurs bei Alex halt schon 1 Jahr her war. Da war dringend Nachhilfe und Geduld nötig …. J !! Doch nach dem ersten peinlichen Missgeschick beim Abseilen (was wir hier nicht näher ausführen) zeigte sie sich als schnell lernfähig …

Am 2. Tag standen die parallel laufenden Routen „Erwin und Mina“ zur Wolfebener Schulter auf dem Programm, was 8 Seillängen im Schwierigkeitsgrad III-IV bedeutete. Für die Greenhorns war das bereits eine echte Herausforderung, sowohl die ungewohnte Höhe, als auch das Bewegen im Fels selbst. Ebenso das Suchen eines sicheren Standes im Standplatz - nicht immer komfortabel.

Zwei weitere Seillängen führten uns über einen sehr luftigen Grat zum Hauptgipfel. Beim Erklimmen dieser Himmelsleiter hatten wir mehrere 100m frei unterm Hintern, was hin und wieder für heftige Adrenalinstöße sorgte. Nur nicht runter gucken, sondern sich auf die paar qm² direkt um einen herum konzentrieren! Geniales Gipfelerlebnis bei traumhaftem Wetter war dafür garantiert! Nach einer Abseilstelle führte uns ein Normalweg zurück zur Wolfebener Schulter, nach zwei weiteren Abseilstrecken, die auch wir Anfänger ohne größere Probleme meisterten, gelangten wir wieder zurück zum Einstieg. Die Feuertaufe war erfolgreich bestanden!!

Der 3. Tag begann mit einem sehr anstrengenden Zustieg über ein steiles Geröll- und Schneefeld. Rucksack und Seil wurden mit jedem Höhenmeter schwerer. Doch auch das gehört zum Bewegen im hochalpinen Gelände: Ausdauer und Trittsicherheit auch auf unwegsamen Pfaden. Es warteten 6 Seillängen im III-Grad zur Balschtekante auf uns, die wir diesmal hintereinander absolvierten. Das brachte natürlich immer wieder Warte- bzw. Entspannungszeiten mit sich - je nachdem, wie man‘s sieht : - )). Doch in Anbetracht des herrlichen Wetters froren wir nicht, sondern wir konnten es uns im T-Shirt oder nur mit leichter Jacke bekleidet am Standplatz bequem machen. Martin und Rosi wurde es zwischendurch trotzdem immer mal wieder heiß und kalt, doch Panik oder gar ein Zurück kam überhaupt nicht in Frage... !

Durch das relativ frühe Begehen des Berges war noch viel loses Gestein in der Route zu finden. Das hatte einige Male ´nen Helm-Test zur Folge. Erwin ermahnte uns immer wieder kein Material loszutreten, was aber gerade uns Anfängern natürlich nicht immer gelang. Das bekam Martins Hand deutlich zu spüren! Er nahm sich ein blutiges Andenken an die Allgäuer Alpen mit nach Hause. Das kostete dem Verursacher abends natürlich eine Runde.

Geschafft aber glücklich oben angekommen verlangte die darauf folgende extrem ausgesetzte Gratüberschreitung nochmals die volle Konzentration von uns allen ab. Teilweise in der Hocke oder im Reitersitz bewegten wir uns vorwärts, jeder Schritt bedacht. Zwischendurch hatten wir für die grandiose Aussicht bei strahlend blauem Himmel keinen Blick sondern nur für den jeweils nächsten Tritt vor uns. Sicherheit hat höchste Priorität, schließlich wollten wir alle zusammen wieder heil auf befestigtem Untergrund ankommen. Über drei Abseilstellen, die es ganz schön in sich hatten, gelangten wir am Spätnachmittag schließlich wieder heil zurück zum locker begehbaren Weg. Doch vorher testete Rosi mal, wie es sich anfühlt beim Abseilen aus der Wand zu drehen. Auch das muss man mal erlebt haben. Cool bleiben, aufs Gelernte vertrauen und Peters Anweisungen folgen, dann schafft man es schon wieder zurück auf die rechte Spur …

Der 4. Tag bescherte uns zum Abschluss die Begegnung mit einem Hanswurst … äh, genauer mit dem Hanswurst-Gipfel unweit der Hütte. Die 3 Seillängen sollten zwar nicht allzu schwierig werden, doch dafür erwies sich der Zustieg über den Bartgeier-Klettersteig bereits als mittlere Herausforderung. Klimmzüge am rostigen Seil bis wir die Einstiegstelle erreicht hatten. Endlich am Fuße der Wand angekommen, wollten Felsplatten im III-IV Schwierigkeitsgrad erklommen werden. Die Sportkletter-Erfahrenen taten sich da natürlich leichter, die „Beginners“ hatten anfangs Mühe. Conny rief einige Male bissl' besorgt nach Rosi, da sie keine Bewegung mehr im Seil spürte. Doch wohin soll man auch steigen, wenn alles glatt und ohne erkennbaren Vorsprung erscheint? Doch das Ziel liegt über uns … und will angepeilt werden.

Zwei Abseil-Stufen brachten uns wieder zurück zum Einstieg, mit einer weiteren Seillänge ließen wir uns weiter ab über ein rutschiges Schnee- und Geröllfeld, bis wir sicher flacheres Gelände erreichten. Abfahren im losen Untergrund hatten wir ja inzwischen auch gelernt, auch wenn wir nie Erwins und Peters Perfektion erreichen werden J.

Die weiteren Highlights: Super leckeres Essen – auf der Hütte kocht die Chefin. Amüsantes Abendprogramm mit zünftiger Musi und Show-Einlage des Hüttenwirtes sowie die Präsentation einer Schnupfmaschine an einer ahnungslosen Ruhrpott-Dame. Das erlebt man nicht alle Tage… Stinkende Socken als voll biologisches Schlafmittelchen … wir lachten Tränen …

Rosis Resümee: Eine sensationelle Tour bei traumhaften Bedingungen, die zwar besonders uns Anfängern viel abverlangte, aber bei der wir unheimlich viel lernten und Grenzerfahrungen machen durften. Eine tolle Truppe, mit der wir viel Spaß hatten. Höchstes Lob an unsere beiden Guides Peter und Conny, die uns mit Ruhe, Geduld und Humor durch den Fels navigierten. Super Sache – Wiederholung unbedingt empfehlenswert.