Sie befinden sich hier: Startseite » Berichte » 2011 » Skitour Großvenediger

Skitour Großvenediger

28.04.2011 - 01.05.2011
Autor: Erika Hartmann

Spaltenbergung inclusive

Skitour zum Großvenediger (3667 m) mit Spaltenbergung

Autorin: Erika Hartmann

 

Vielleicht, weil er bei der Auswahl der schönsten Skitouren der Alpen, den Pulverschnee – Top – Ten 2009 der Zeitschrift Alpin, immerhin den zweiten Platz belegte, vielleicht auch, weil er einfach zu den Traum – Skibergen unzähliger Tourengeher zählt, wollten wir unsere Frühjahrs-Skitour 2011 auf den Großvenediger machen.

Wir - das waren Armin, der die Tourführung übernahm, Andi, Elke, Günter, Robert und ich – fuhren also am 28.4.11 in die Hohen Tauern nach Neukirchen am Großvenediger und von dort weiter zum Parkplatz Hopffeldboden am Eingang des Obersulzbachtals. Den langen Anstieg von Norden durchs mittlerweile schneefreie Obersulzbachtal ersparte uns  das Tälertaxi, das uns bis zur Materialseilbahn der Kürsinger Hütte brachte. Nach einer dreiviertel Stunde Fußweg kamen die Skier zum Einsatz; über die Türkische Zeltstadt (die Zelte wurden mittlerweile von der Klimaerwärmung in einen Gletschersee umgewandelt) und den steilen Schlußanstieg erreichten wir die Kürsinger Hütte auf 2547m.

Die Kürsinger ist eine Klasse Hütte mit geräumigen Lagern, ausreichend großem und gut ausgestattetem Materialdepot sowie hervorragender Küche und reichlich Nachschlag für Hungrige.

Für den 29.4. stand der Venediger auf dem Programm.

Kurz nach 6.00 Uhr stiegen wir nach Osten an, querten südlich von Keeskogel und Bachmayerspitze bis wir den Nordwestgrat des Großvenedigers jenseits des Obersulzbachkees passiert hatten und fuhren dann in leichter Schrägfahrt ab zum Anseilplatz am Obersulzbachkees.

Das Wetter war nicht optimal, grau und bedeckt, wir hatten aber Sicht.

Von Süden drängte eine Schlechtwetterfront herein und staute sich hinter der Kette Großer Geiger – Großvenediger – Rainer Horn.

Der Gletscher war in diesem Winter nicht gut eingeschneit.

 

In zwei Dreierseilschaften stiegen wir Richtung Venedigerscharte.

Kurz vor der Spaltenzone unterhalb der Venedigerscharte überholten uns zügig zwei junge, durchtrainierte, nette oberbayerische Burschen, die zugunsten des Aufstiegstempos auf Seil und Gurte sowie weitere Hochtourenausrüstung verzichtet hatten.

Freundlicher Small Talk beim vorbeigehen: Der erste: “habt`s gut gefrühstückt auf der Kürsinger?“ ich: „ja, ihr wohl net? Magst an Tee?“ „Na danke, aber später gern, am Gipfel“ „Also dann bis später…“

Sie zogen an uns vorbei und erreichten bald unsere erste Seilschaft.

Andi, der Seilletzte, erinnert sich: „Der erste Tourengeher war schon einige Meter vorbei, als der zweite, grad noch neben mir, plötzlich spurlos verschwunden war. Wie vom Erdboden verschluckt, völlig geräuschlos. Ich ruf dem Vorderen, der das gar nicht mitgekriegt hatte, zu: He, Dein Kumpel ist weg! Neben mir war nur noch ein kleines, unscheinbares Loch im Schnee, aus dem kalte Luft hoch blies.“ Der zweite Tourengeher war durch eine Schneebrücke gebrochen und geschätzte fünf Meter tiefer in der Gletscherspalte hängen geblieben.

Andi warf ihm das Seilende runter, sodass er sich Sichern und vernünftigen Stand suchen konnte. Als wir die erste Seilschaft erreicht hatten holte Armin mit seinem Seilende das Material des jungen Mannes herauf. Lediglich ein Skistock war unwiederbringlich im kalten, tiefen Gletscherrachen verschwunden.

Zu viert zogen ihn die Jungs dann aus der Spalte. Er war wohl mit dem Schrecken davon gekommen, war augenscheinlich und nach eigenen Angaben unverletzt, sodass er noch abfahren konnte.

Er hatte Glück – wäre sein Verschwinden unbemerkt geblieben, wer weiß ob eine Suche später auf der großen, weißen, leicht frisch beschneiten Fläche zum Erfolg geführt hätte. Die Einbruchstelle war jedenfalls unauffällig.

 

Wir setzten den Aufstieg zum Skiberg unserer Träume fort, hatten nach der Scharte kurz Sonne, beim weiteren Aufstieg zog´s jedoch vollständig zu, sodass wir am Gipfel auf 3667 m im Nebel standen.

Durch diesen stocherten wir vorsichtig über teils vereiste Passagen, teils windverpressten Schnee wieder runter, bis das Gelände weiter und sicherer wurde und die breite Spalte vor dem Gipfelaufbau passiert war.

Ab der Scharte wurde die Sicht besser und der Schnee pulvrig, was den Abfahrtsgenuss drastisch erhöhte.

Wir passierten die Spaltenzone unter der Venedigerscharte nun weiter östlich und querten erst unterhalb dieser zur Aufstiegsspur zurück.

Die weitere Abfahrt brachte ungetrübte Freude bei traumhaften Schneeverhältnissen.

Abends dachten wir noch viel an die zwei jungen Männer und wir hoffen, dass sie unbeschadet im Tal angekommen sind.

 

Am 30.4., dem letzten Tourentag, teilte sich unsere Gruppe; die eine Hälfte versuchte den Großen Geiger von Norden, hatte dabei Pech mit den Wetterverhältnissen und musste sich mit Kälte und Nebel zufrieden geben. Die zweite Hälfte, die nördlich des Gletscherbeckens geblieben war, hatte Sonne und guten Schnee und konnte zweifaches Gipfelglück genießen – auf der Bachmayerspitze mit einer Traumabfahrt über die Westflanke und am Keeskogel nach Anstieg zu Fuß über Westgrat und westliches Firnfeld.

 

Die Abfahrt am 1. Mai begann mit Anstieg nach Osten und Querung bis zum Anseilplatz bei zunächst sich verdichtendem Nebel. Bei der Abfahrt am Gletscher wurde die Sicht jedoch bald besser, die Schneequalität war genial. Abgesehen von der Fahrt durch einen Gletscherbruch verlief sie ohne weitere nervliche Herausforderungen.

 

Unser aller Dank und Anerkennung gilt Armin mit seinem bewundernswerten Orientierungsvermögen für die souveräne Führung.