Bergtour quer durch die Adula-Alpen der Schweiz

14.07.2011 - 17.07.2011
Autor: Doris Subert
Tour-Nr.: 2011/30

Die Greina-Ebene - ein Land der Stille und Weite

Natürlich kam es wie es kommen musste in diesem Sommer: Kaum passierten wir - 13 Bergwanderer (unter Leitung von Christine und Harald) - auf der Anreise in die Schweiz das Allgäu, hatte sich ein Tiefdruckgebiet über den Alpen breit gemacht. Heftiger Regen begleitete uns in die Schweiz, der dort in ein gnädiges Nieseln überging, das Ziel unserer Begierde - die Greina-Hochebene - jedoch in dichten Wolkennebel einpackte und bis auf weiteres unseren Blicken entzog. Die Greina-Hochebene - wo liegt die eigentlich und was macht sie so einzigartig, so fragte sich mancher von uns, der sich, neugierig geworden durch die attraktive Ausschreibung im Vereinsheft, für die Tour angemeldet hatte, um diese von der Zivilisation nahezu unberührte Hochgebirgslandschaft kennen zu lernen. Christines vorzügliches Tour-Exposé setzte uns vorab ins Bild: Von Süden aus betrachtet, erstreckt sich die Greina, eine auf über 2200 Metern ü. M. gelegene und, abgesehen von drei Berghütten, unbesiedelte Hochebene mit unzähligen unreguliert mäandernden Bach- und Flussläufen, tief eingeschnittenen Canyons, Hochmooren und bunt blühenden Bergwiesen in einem weitläufigen Bogen vom Passo della Greina im hintersten Bereich des zum Tessin gehörigen Valle di Blenio um den breiten Bergrücken des Piz Vial (3168 m) und Piz Greina (3124 m) herum bis zum Piz Tgietschen (2857 m), der im Nordosten zwischen den Graubündner Tälern Val Sumvitg und Val Lumnezia die Hochebene begrenzt. Von allen Seiten ist die Greina von Gebirgszügen oder felsigen Steilstufen umgeben und nur über vier Zugänge (je zwei aus dem Tessin und aus Graubünden) in mehrstündigem Aufstieg zu Fuß zu erreichen. Nach der Anreise über Chur in Richtung Disentis parkten wir die Fahrzeuge am Bahnhof von Rabius, einem der vier Weiler, die die Ortschaft Sumvitg bilden. Mit einem Wandertaxi verließen wir die Zivilisation und beförderten uns in 45minütiger, serpentinenreicher Fahrt ins Val Sumvitg hinein bis Tenigerbad (1305 m), einem maroden, aufgelassenen Kurhotel. Endstation, alle aussteigen und zu Fuß weiter hinauf im Val Sumvitg! Entlang des kräftig plätschernden Flüsschens (Rein da Sumvitg) ging es erst über einen Forstweg, dann durch Wiesenhänge über die Baumgrenze hinauf bis zum Talschluss (1650 m). Begleitet vom Donnern des in Kaskaden herabstürzenden Wassers des Rein da Sumvitg schraubte sich unser Pfad jetzt in vielen Kehren durch ein steil aufragendes Schrofenmassiv auf 2180 m Höhe hinauf, zuletzt ein Stück weit seilversichert. Eigentlich hätte nun jenseits eines kleinen Tales die Terrihütte (2170 m), unser Tagesziel am Rande der Greina-Ebene, zu sehen sein sollen - doch wir sahen nichts außer dem dichten Wolkenmeer, das uns bei unserem 5,5stündigen Aufstieg stets umfangen und durchfeuchtet hatte. Erst wenige Schritte vor der Haustür tauchte unvermittelt eine aus massiven Bruchsteinen an den Fels gemauerte Trutzburg, die Terri-Hütte (CAS), auf und bot uns an diesem Abend eine behagliche Herberge. Je später der Abend, desto heftiger ergoss sich der Regen und wie Hüttenwirt und Schweizer Wetterbericht unisono versicherten, bestand wenig Hoffnung auf grundlegende Wetterbesserung in den nächsten Tagen. Ein defätistischer Gedanke - was wollen wir bloß in der Greina, wenn die Landschaft sich nicht zeigen mag - begann zu keimen; die Entscheidung über einen eventuellen Abbruch der Bergtour wurde auf den nächsten Morgen vertagt. Der Morgen kam, die undurchdringliche Wolkenhülle blieb, jedoch vermeldete der Wetterbericht für den späten Vormittag bis Mitte des folgenden Tages ein vorübergehendes Aufklaren der Bewölkung und eine kurze Regenpause. Nach eingehender Beratung von Harald und Christine und einigen Telefonaten mit den benachbarten Hütten präsentierten beide eine den Wettergegebenheiten angepasste Tourenplanung: Die dritte ursprünglich vorgesehene Etappe von der Scaletta-Hütte über den Steinbockweg zur Bovarina-Hütte wurde aufgegeben zugunsten einer erweiterten Rundwanderung durch alle Winkel der Greina-Ebene mit Rückkehr zur Terri-Hütte am dritten Tag. Mit neuer Hoffnung starteten wir in den Nebel hinaus und nach weiteren hundert Höhenmetern durch einen Schrofenhang auf die (noch unsichtbare) Hochebene hinauf in Richtung Motterascio-Hütte (2176 m), dem südöstlichen Tessiner Zugang zur Greina, wo wir eine Mittagsrast einlegen wollten. Zwischen 11 und 12 Uhr vormittags bzw. in Höhe von Crap la Crusch (2268 m) riss der Wolkennebel auf und verflüchtigte sich. Was sich bislang nur erahnen ließ, offenbarte sich jetzt in voller Pracht unseren Sinnen: Weite, soweit der Blick reichte; am Horizont in der Ferne schneebedeckte Gipfel; die Greina-Hochebene im Süden begrenzt von steilen Schutthängen aus schwarzem Gestein und im Norden von massivem ockerfarbenem, im Sonnenlicht aufleuchtenden Fels; um uns herum sommerlich bunt blühende Bergwiesen und Kuppen; im Sonnenlicht funkelnde Wassertropfen auf Grashalmen und Blättern; überall gluckernde Wasserrinnsale, die sich zu kleinen und großen Bächen und kleinen Flüssen vereinigten und im Laufe von Jahrtausenden tiefe Schluchten in die Hochebene gefräst hatten; ausgedehnte Hochmoore, deren vom Wind gepeitschter Seggen- und Wollgrasbewuchs uns an dahin fließende Meereswellen denken ließ; ein Wechselspiel von Licht und Schatten über der Ebene durch die dahin jagenden Wolken; das Heulen des böigen Windes, der Schrei eines am Himmel kreisenden Raubvogels, ansonsten - Ruhe, Stille. Wie geplant, verbrachten wir zur Mittagszeit ein Pausenstündchen auf der Terrasse der Motterascio-Hütte und genossen sowohl den Ausblick auf den im Tal liegenden Lago di Luxxone (Stausee auf 1606 m) als auch die eine oder andere Spezialität der Hüttenküche. Die mehr als stattlichen Schweizer Preise dämpften allerdings die Verkostungslust beträchtlich. Frisch gestärkt machten wir uns erneut auf den Weg bis zur Gabelung bei Crap la Crusch - dort wandten wir uns jetzt in südwestliche Richtung und folgten in den nächsten Stunden durch einzigartige Landschaft dem Verlauf der Greina-Hochebene über den Passo della Greina (2355 m) bis zur Capanna Scaletta (2205 m; SAT), unserem Nachtquartier. Dort wurden wir zu unserer Verblüffung von einem Hüttenwirte-Paar willkommen geheißen und routiniert versorgt, das wir in anderem Umfeld auf Grund ihrer persönlichen äußeren Erscheinung und ihrer etwas eigenwilligen Dekoration der Theke (mit einem freundlich grinsenden Totenschädel) sowie des Kücheneingangs (Schild mit Aufschrift "Welcome to hell") eher einer berüchtigten Motorrad-Gang als einer Schweizer Alpenvereins-Hütte zugeschrieben hätten. Der Abend verging bei Speis und Trank, Wetterberichtsdiskussion und Routenplanung für den nächsten Tag, Plaudereien und Kartenspielen wie im Flug. Pünktlich um 8 Uhr am nächsten Tag fanden sich alle Wanderer wieder aus der Hütte hinauskomplimentiert. Noch hielt der Himmel dicht, jedoch drängte sich bereits von Westen her eine dunkle Wolkenfront über den Höhenzug jenseits des Val Camadra, die sich im Laufe des Vormittags an unsere Fersen heftete und uns vor sich her trieb. Wir wählten in östlicher Richtung einen Pfad durch die Kleine Greina, ein Seitental entlang des Flüsschens Brenno della Greina, das dort einen tiefen Canyon in die Landschaft gegraben hat. Von dort aus passierten wir unterhalb des Greina-Bogens (Piano della Greina, 2366 m) vorbei, einer spektakulären bogenförmigen Felsformation oberhalb des südlichen Schluchtrandes, der natürlich passionierte Kletterer wie Harald und einige andere Kraxler aus unserer Gruppe zu einer Besteigung und Überquerung geradezu herausforderte. Wir folgten dem Flusslauf aufwärts bis zur Einmündung der Kleinen Greina in die Hauptebene in Nähe des Passo della Greina. Von nun an wanderten wir weitgehend weglos unterhalb des nördlich die Greina begrenzenden Felsmassivs in sanftem Auf und Ab über blühende Bergwiesen, durch Sumpfwiesen, zwischen Mooren und zahllosen Mäandern der vielen Quellbäche des Rein da Sumvitg hindurch ostwärts. Eine Rast vor der anstehenden Flussüberquerung nördlich von Crap la Crusch hielten wir kurz, da schon wieder die ersten Wolkenfetzen heranwaberten und uns umspielten. Während einige aus unserer Gruppe noch am Ufer des Rein da Sumvitg nach einer geeigneten Furt Ausschau hielten und auf wackeligen Trittsteinen in der Strömung ihr Stehvermögen und Gleichgewicht testeten - übrigens erfolgreich - hatten die anderen bereits gewieft eine bequeme provisorische Brücke in Form einer Holzplanke erspäht und ans andere Ufer übergesetzt. Am südlichen Rand der Greina erstiegen wir dann einen Steilhang bis auf eine Höhe von ca. 2600 m, um gleichsam aus der Vogelperspektive den Ausblick auf die Hochebene in all ihren Verästelungen zu genießen. Ein letzter Rundumblick war uns noch vergönnt, dann verdichteten sich die treibenden Wolkenfetzen mehr und mehr, während wir eiligst ins Val Canal abstiegen, einen kurzen Gegenanstieg hinter uns brachten und dem Hangverlauf in den nordöstlichen Arm der Greina bis unterhalb des zum Pass Diesrut führenden Anstiegs folgten. Kurze Regenschauer setzten ein, noch unterbrochen von sonnigen Phasen, und nötigten uns zu einem lästigen Wechsel des Regenjacke An- und Ausziehens. Den Pfad zum Pass Diesrut ließen wir ebenso wie die in Kaskaden zum Val Sumvitg hin abstürzenden Wassermassen des Flusses Rein da Sumvitg rechter Hand liegen und stiegen nördlich gewandt die letzten Höhenmeter durch Schrofengelände zur bereits vertrauten Capanna da Terri, unserem Hüttenziel, auf. Kaum waren wir aus den Bergstiefeln geschlüpft, prasselte auch schon der Regen herab. Zufrieden und dankbar für die unvergleichlichen Eindrücke von der Greina, die uns wider Erwarten doch noch vergönnt gewesen waren, genossen wir das Abendmenü in der gemütlichen Terri-Hütte. Der Abstieg am Sonntag ins Val Sumvitg geriet zu einer schlüpfrigen, rutschigen Angelegenheit, die nochmals höchste Konzentration erforderte - denn es stürmte und regnete, regnete und regnete. Trotz aller Raffinesse moderner Bergsportbekleidung wurden wir bis auf die Knochen nass. Entsprechend wussten wir es zu schätzen, dass das Wandertaxi bei Tenigerbad nicht lange auf sich warten ließ und uns zügig nach Rabius zu unseren am Bahnhof geparkten Fahrzeugen (mit deponierter Wechselbekleidung) zurückbeförderte. Dort nahmen wir kurzerhand den Wartesaal des einsam im Regen stehenden Bahnhofsgebäudes als Umkleidekabine in Beschlag und legten uns erst einmal trocken, bevor wir zum Abschluss der Tour den benachbarten Gasthof enterten und unsere Erlebnisse Revue passieren ließen. Fazit: Auch dieses Jahr war es wieder eine "Groß"artige, unvergleichliche und unvergessliche Bergtour! Liebe Christine und Harald, es danken Euch herzlich für die Planung und Durchführung Eure Tiefdrucklage-Erprobten: Rudi, Heidi, Mirco, Ingrid, Stefan, Michaela, Jörg, Christine K., Manfred, Walter und Doris.