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Eisgrundkurs auf dem Rhonegletscher

04.08.2012 - 10.08.2012
Autor: Julia Denninger
Tour-Nr.: 2012/11

....und gleichzeitig ein Sprachkurs in Schweizerdeutsch

An einem schönen Samstagmorgen im August werden gegen 8.00 Uhr zunächst Unmengen von Gepäck verladen, bevor sich acht Sektionsmitglieder auf den Weg in die Schweiz machen. Trotz regem Urlaubsverkehr und dank Haralds meisterhaften Fahrkünsten kommen wir gut voran und erreichen bereits am Nachmittag unser Quartier: Hotel Tiefenbach an der Furkapassstraße. Zunächst werden die Touristenlager bezogen und „zfüri “[1] eingenommen. Das sommerliche Wetter haben wir leider an der Grenze zurückgelassen, so dass uns nun ein Nachmittag mit Wiederholungen der Theorie, wie auch „Trockenübungen“ bei Wind und Wetter bevorsteht. Fleißig werden Standplätze eingerichtet und Flaschenzüge aufgebaut, um eine Spaltenbergung zu simulieren. Auch das Prusiken zur Selbstrettung aus der Gletscherspalte wird geübt. Zum Abendessen erwartet uns ein üppiges Mahl, das keine Wünsche offen lässt und sogar „supplements“ [2] beinhaltet.  Am nächsten Morgen ist das Frühstück auf sieben Uhr festgelegt, anschließend brechen wir bei bedecktem Himmel und schlechter Wetterprognose zum Rhonegletscher auf. Um zum Gletscher zu gelangen  „parkierä“[3] wir den DAV-Bus auf dem Parkplatz vor dem Hotel Belvédère. Nachdem das Drehkreuz zur Eisgrotte passiert ist, stehen wir dem Rhonegletscher zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Heute ist dieser Gletscher noch etwa 10 km lang und durchschnittlich 1 km breit, er bedeckt aktuell eine Fläche von ca. 17 km2. Die Gletscherzunge befindet sich auf 2250 m, hier entspringt die Rhone. Der Rhonegletscher war noch im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts aufgrund seiner bis weit ins Tal reichenden Gletscherzunge eine große Touristenattraktion. Während der Eiszeit erreichte der Rhonegletscher zusammen mit seinen Seitengletschern die größte Eismasse der alpinen Gletscher.

Zunächst steigen wir bis zum Eingang der Eisgrotte ab, diese lassen wir links liegen und legen unser Material an, so mancher steht zum ersten Mal auf Steigeisen. Nun folgen Gehversuche noch im unteren, spaltenfreien Bereich des Gletschers. Nachdem jeder ein gewisses Vertrauen in seine Steigeisen gewonnen hat, wagen wir uns etwas weiter auf den Gletscher. Auf dem ersten Plateau findet Alex was er sucht: Schroffe Eiswände, um den Einsatz der Frontalzacken und des Pickels zu trainieren. Vertieft in unsere Übungen, bemerken wir das heraufziehende Gewitter zu spät. Bei Starkregen, Blitz und Donner flüchten wir an den unteren Gletscherrand. So schnell wie das Wetter aufgezogen ist, ist es auch wieder vorbei und wir machen uns unbeschadet, jedoch gut durchnässt daran, Seilschaften zu bilden und durch monströse Spalten zu „chlättere“[4].  Als sich ein neues Gewitter über dem Tal zusammenbraut beenden wir den ersten Kurstag, sehr zum Bedauern der schaulustigen Besucher der Eisgrotte, die uns als Fotomotive auserkoren haben. Zurück im Hotel genießen wir den Luxus einer warmen Dusche, sowie ein vorzügliches Abendessen. Der nächste Tag verspricht laut Wirtin „schüsches Wättär“ [5], bei leichter Bewölkung jedoch bereits instabiler Fönlage brechen wir zu Kurstag zwei auf. Aufgrund der Wetterprognose beschließen wir, uns nur im unteren Teil des Gletschers aufzuhalten. Heute lernen wir Eisschrauben zu setzen und einen Standplatz einzurichten. Wir müssen einsehen, dass Eissanduhren, auch wenn sie anfangs nicht sehr vertrauenserweckend erscheinen, mehr aushalten als man denkt (den Zug von fünf Mann). Die selbstausdrehende Eisschraube fasziniert uns alle. Zum Abschluss gibt’s noch eine Runde Abseilen für alle, auch für die Halbschuhtouristen hinter ihren Fotoapparaten auf dem Weg zur Eisgrotte. Noch während der Übung werden wir erneut Opfer des instabilen Wetters und beenden pitschnass vorzeitig den Kurstag.

Nach einer heißen Dusche und einem „Coffi“ zum Aufwärmen wird noch etwas Theorie (Sicherungstechniken beim Abseilen) durchgenommen.

Am nächsten Morgen zeigt sich, dass bereits eine Kursteilnehmerin die unfreiwilligen kalten Duschen der letzten Tage mit Schluckbeschwerden und Husten bezahlen muss. Heute wagen wir uns in zwei Seilschaften bis auf das zweite Plateau vor, um hier unser theoretisches Wissen bezüglich der Spaltenbergung endlich in die Praxis umzusetzen. Unterwegs bietet sich die Gelegenheit, Sicherungstechniken in Schnee und Firn zu üben. Wieder sind wir erstaunt, wie viel Zug ein „T-Anker“/“Toter Mann“ aushält. Zunächst wird dann die Situation eines Spaltensturzes simuliert, Standplätze mit Eisschrauben eingerichtet und ein Flaschenzug aufgebaut. Anschließend hat Alex für uns eine kleine „Übungsspalte“ parat. Die Teilnehmer werden vorsichtig hinabgelassen und mittels Flaschenzug geborgen. Zum Abschluss wandern wir eine Spalte weiter und sehen uns einer ausgewachsenen Gletscherspalte gegenüber (Breite 3 m, Tiefe ca. 8 m), auch hier wird nochmals der Ernstfall geprobt. Als wir uns auf den Rückweg machen ist es bereits fast 18.00 Uhr. Die Zeit ist bei schönstem Wetter und wolkenfreiem Himmel wie im Fluge vergangen. Nach einem schmackhaften Abendessen mit Suplement für alle, ziehen wir uns zeitig in unsere Lager zurück. Im 10er Lager haben wir uns zu sechst „komood“ [6] eingerichtet und fragen uns tagtäglich, wie hier vier weitere Personen Platz finden sollten.

Nach solch gründlicher Schulung sind wir auf unsere erste große Hochtour bestens vorbereitet: Heute am Kurstag vier gibt es Frühstück um 5:30 Uhr, die Abfahrt ist auf 6.00 Uhr angesetzt. Das Ziel des heutigen Tages ist der Galenstock (3586m). In dezimierter Zahl (erste krankheitsbedingte Ausfälle werden verzeichnet) beginnen wir den Aufstieg, der zunächst über den Rhonegletscher führt bis kurz unterhalb des Gletscherbruchs. Hier biegen wir in östlicher Richtung in ein Seitental ab, über Firnfelder und viel loses Geröll geht es auf Moränenlandschaften aufwärts. Wegen einer Knieverletzung und Erkältung deponieren wir das erste Gruppenmitglied auf einem großen Felsbrocken, mit der Anweisung, diesen für die nächsten Stunden nicht zu verlassen. Nachdem wir ein weiteres Geröllfeld durchstiegen haben, müssen wir vor dem steilen Gipfelanstieg nochmals ein Schneefeld passieren. Auf dem letzten Felsband vor dem Gipfelanstieg werden dann die Rucksäcke deponiert und ein weiteres Gruppenmitglied zum „Bewachen“ zurückgelassen. Nun folgen die letzten Höhenmeter zum Gipfel, dazu müssen wir ein steiles Schneefeld queren. Um ca. 12.30 Uhr ist es vollbracht und wir stehen auf dem 3.586 m hohen Gipfel des Galenstocks. Auf dem Gipfel treffen wir eine Schweizer 2er-Seilschaft, die uns bereitwillig das ganze Gipfelpanorama erklärt und auch unsere Gipfelgruppenfotos schießt. Nach kurzem Aufenthalt auf dem Gipfel steigen wir auf dem gleichen Weg wieder ab. Nach ca. 30 Minuten haben wir das Rucksackdepot wieder erreicht und gönnen uns jetzt eine halbstündige Mittagspause, bevor wir weiter Richtung Rhonegletscher absteigen. An unserem letzten Tag erkunden wir bei noch stabilem Sommerwetter neues Terrain: es geht direkt hinter dem Hotel bergauf, zunächst Richtung Albert-Heim-Hütte, diese lassen wir jedoch links liegen und wandern auf den….. Gletscher zu. Hier hofft Alex nochmals auf abschüssige Firnfelder, für die noch ausstehenden Sturzversuche. Unterhalb der „ Grauen Wand“ werden wir fündig. Bei einer ausgiebigen Rast beobachten wir unsere Vereinskollegen beim Klettern in der Wand, dabei wird ein herrenloses Seil erspäht, das so manchem aus der Gruppe nicht mehr aus dem Kopf gehen will….

Am Freitag steht die Abreise auf dem Programm. Nachdem wir unser Gepäck wieder gut im Bus verstaut haben, brechen wir zunächst zum Bahnhof Andermatt auf, dort verlässt uns ein Teilnehmer, um sein neu gewonnenes Wissen im Matterhorngebiet anzuwenden. Nach unproblematischer Fahrt kommen wir am Nachmittag wieder in Ansbach an.



[1] Nachmittagskaffee

[2] Nachschlag

[3] parken

[4] klettern

[5] schlechtes Wetter

[6] bequem

halten wohl die Steigeisen?
durch den Gletscherbruch
Bremsversuche im Schnee
Hält der T-Anker auch, wenn drei Mann ziehen?
Christoph springt mutig in die Spalte
Harald hängt ganz entspannt in der Spalte...