Alpinkletterkurs II in der Silvretta

17.08.2012 - 19.08.2012
Autor: Elke Bürkel
Tour-Nr.: 2012/12

Herzklopfen auf die eine oder andere Art und die verflixten 30 Minuten

Überschreitung Großer Litzner – Großes Seehorn; Stützpunkt Saarbrücker Hütte

Wenn dein erstes Wort des noch jungen Tages ins Telefon gebrüllt heißt: „Scheiße, Peter, ich habe verschlafen!“ und deine Pulsfrequenz von 60 auf 180 Schläge pro Minute hochschnellt, verheißt das nicht unbedingt Gutes für die bevorstehende Tour.

Im Verlauf der Unternehmung besserte sich meine Wortwahl jedoch, so dass am Ende ein „Wow, Peter, tolle Tour!“ aus mir herausbrach. Der Puls konnte sich, abgesehen von den adrenalinbedingten Spitzen bei der luftigen Gratkletterei aufs Große Seehorn (3121m) und den erhöhten Werten angesichts des grandiosen Panoramas am Großlitzner (3109m) auf einen gesunden Mittelwert von 80-140 Schlägen einpendeln.

 

Nach diesen sehr aufregenden Morgenminuten und einem Abstecher ins hohenlohisch-fränkische Niemandsland, um den verzweifelt wartenden Michael abzuholen, konnte man dann also doch noch in ein wettertechnisch sehr verheißungsvolles Bergwochenende starten. Allerdings wurde schon während der Fahrt klar, dass es auch bei der Ausrüstung gewisse Defizite gab. So war Peter im kleinen Schwarzen (Höschen) gekommen, Elke hatte statt einer robusten Bergtourenhose nur eine Wanderhose mit Zip-Beinen zu bieten, statt Kuchen gab es Schweineöhrchen und die „Eisdingerli-firs-Rückfoahrveschber“ (*) waren auch wieder nicht dabei.

*um eventuellen Plagiatvorwürfen zuvorzukommen, hier die Quelle: Rosi, 2009, Klettersteigtour Pala

 

Trotzdem starteten wir annähernd pünktlich (mit 30 Minuten Verspätung halt) vom Vermuntstausee an der Silvretta-Hochalpenstraße. Nach guten zwei Stunden erreichten wir unseren Stützpunkt, die Saarbrücker Hütte, wo man erst einmal die durch Transpiration verlorene Flüssigkeit auffüllen musste, Zimmerlager bezog und gewisse Herren Kursleiter einen Power-Nap einlegen mussten - natürlich nur bis die größte Hitze vorbei war.

Mit kleinem Gepäck, sprich Kletterausrüstung, sollte es nun in den 10 Minuten von der Hütte entfernten Klettergarten gehen, um sich mit der Felsstruktur vertraut zu machen und die Kletter- und Abseiltechnik im 3er bis 4er Gelände aufzufrischen. Leider suchten wir den Klettergarten erst einmal 30 Minuten bevor wir fast über ihn gestolpert wären.

Nach den Übungseinheiten fühlten sich alle TeilnehmerInnen fit für die morgige Unternehmung.

Wie verhext an diesem Tag, waren wir natürlich auch beim Abendessen 30 Minuten zu spät, konnten aber dennoch alle bis zur Halskrause gesättigt werden und traten fast pünktlich um 22.30 Uhr die Hüttenruhe an.

 

Da mich Peter diesmal durch einen Stoß in die Rippen wecken konnte und nicht erst langwierige Telefongespräche führen musste, begann der nächste große Tag pünktlich um 7.00 Uhr mit einem reichlichen Frühstück. Bei strahlendem Sonnenschein brachen wir um 8.00 Uhr an der Saarbrückner Hütte zu dem alpinen Klassiker in der Silvretta, der Überschreitung von Großlitzner und Großem Seehorn auf.

Über das Geröllfeld der ehemaligen Gletscherzunge ging es bergan zum Litznersattel und weiter durch sehr loses und splittriges Gestein am oberen Rand des Gletschers. Höchste Konzentration war gefragt, um Hintermann bzw. -frau nicht mit Gesteinsbrocken zu bombardieren, vor allem, in dem staubigen Steilaufschwung hinauf zum Grenzgrat etwas unterhalb des Winterberges.

Von dort bewältigten wir die teilweise recht ausgesetzte aber herrliche Blockkletterei im II. Grad bis zum Vorturm des Großlitzners. Zur Scharte zwischen Vorturm und Gipfel mussten wir konzentriert abklettern, da wir die angebliche Abseilstelle nicht fanden. Über leichte Kletterei im 2er Gelände gelangten wir zum Einstieg, wo wir noch einige Zeit die schweizerische Seilschaft vor uns beobachten konnten bzw. mussten. Wir bildeten drei 2er Seilschaften und kletterten im wechselnden Vorstieg durch drei nicht übertrieben gesicherte Seillängen im IV. Grad empor zum Gipfel. Oben nahm uns das grandiose Panorama erst einmal den restlichen Atem!

Nach kurzer Genießerpause seilten wir, dank Peters ausgeklügeltem Systemes recht fix, gleich unterhalb des Gipfels über zwei überhängende Abseilstellen zum Sattel ab.

Der Blick zurück auf den imposanten Turm des Gloßlitzners ließ uns vor Anerkennung auf die eigene Schulter klopfen.

Noch waren aber längst nicht alle Herausforderungen dieses großartigen Tages genommen. Die luftig-ausgesetzte Kletterei über den verblockten Südostgrat im 2er Gelände wurde abermals mit reichlich Herzklopfen und einem herrlichen Panorama am Gipfel des Großen Seehorns belohnt.

Viel Zeit zum Verweilen und Aussicht genießen bleib uns hier oben jedoch nicht. Um 16 Uhr lag noch die gesamte Abseilpiste mit einer langsamen oberfränkischen Seilschaft, der Abstieg über den Seegletscher zur Seelücke und der Rückweg zur Hütte vor uns.

Auch hier bewährte sich wieder das Jörg'sche Abseilsystem, das wir nun im Schlaf beherrschten und durch dessen Anwendung wir am Ende die Bamberger Mannschaft noch fast überholten hätten.

Es muss wohl nicht extra erwähnt werden, dass wir auf der Hütte zum Abendessen 30 Minuten zu spät ankamen! Aber nach über 10 Stunden unterwegs wollen wir mal nicht so kleinlich sein.

Trotzdem wurden wir in der proppenvollen Hütte alle verköstigt und amüsierten uns den Rest des Abends prächtig, als wir die Ereignisse des Tages Revue passieren ließen und die Erfahrungen mit Ronald und Christian austauschten, die die Tour am Sonntag machen wollten.

 

Am Sonntag stiegen wir erneut zur Seelücke auf und nahmen eine 4-Seillängentour über den Westgrat zum Vorturm des Seehorns ins Visier.

Nachdem der Einstieg gefunden war, konnten wir die IV- Plaisirroute bei grandiosen, Sonnenbrand begünstigenden Wetterbedingungen nur noch genießen. Die Abseiltechnik mit großer Gruppenstärke beherrschten wir, dank unseres kompetenten Kursleiters nun mit traumwandlerischer Sicherheit.

Anschließend schnell zurück zur Hütte, Gepäck aufnehmen, Abstieg zum Parkplatz (den wir um 14.30 Uhr statt wie geplant um 14.00 Uhr erreichten!) und ab nach Hause.

 

Und die Moral von der Geschicht': dieses Kurswochenende hat uns´re Herzen höher schlagen lassen, da zähl'n ein paar verpennte Minuten -fast- nicht.

 

Teilnehmer: Michael, Hanne und Erwin, Julian, Elke

Kursleiter: Peter Jörg;

angeschlossen Ronald Berndt mit Christian

Unser Ziel: Großer Litzner (3109 m) und Großes Seehorn (3121 m)
Zustieg zur Saarbrücker Hütte
Gedränge am Standplatz vor dem Großen Litzner
Gamsen am Großen Litzner
Michael an der ersten Abseilstelle vom Großlitzner
Gratkletterei zum Großen Seehorn
Alpiner Klassiker in der Silvretta: Großer Litzner (hinten) und Großes Seehorn (vorn)
Elke am Gipfel des Großen Litzners mit Blick auf Silvretta