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Klettersteigtour Sextener Dolomiten

05.09.2013 - 08.09.2013
Autor: Ilona Kleinhenz
Tour-Nr.: 2013/49

Nirgendwo sonst prallen die Gegensätze so stark aufeinander wie in den Sextener Dolomiten. Auf der einen Seite die Drei Zinnen mit Massentourismus und hohen Preisen, auf der anderen Seite das Vallon Popera mit dem gemütlichen Rifugio Berti – umringt von großartigen Klettersteigen, wo die Welt für uns Bergsteiger noch in Ordnung ist.“1

Das verheißungsvolle Versprechen aus dem Klettersteigführer, das bei mir wochenlang schon zu immer größerer Vorfreude auf eine Klettersteigtour abseits der Massen führte, sollte für eine Gruppe von insgesamt sieben Bergbegeisterten (Clemens, Elke, Harald, Ilona, Rosi, Sylvia und Tourleiter Peter) vom 05.-08.09.2013 wahr werden. Die Assoziation zu den 7 Zwergen liegt nahe; optisch kamen da allerdings nur Clemens und Peter mit ihrem Zwergenlook ran.

Tag 1: So brachen wir am Donnerstag um 6 Uhr in der Frühe auf, ab in den Süden und tatsächlich der Sonne hinterher, denn für unsere Tour hatten wir perfektes Wetter. Nach acht Stunden Fahrt erreichten wir die Sextener Dolomiten und gönnten dem AV-Bus bis Sonntag viel Ruhe am Parkplatz des Rifugio Lunelli (1568 m). Von dort machten wir uns auf zu unserer gemütlichen ersten Hütte, dem Rifugio Berti auf 1950 m. Zum Beinevertreten nach der langen Fahrt und zum Einlaufen perfekt – in einer guten Stunde hatten wir die Hütte erreicht, die umgeben ist von beeindruckenden Felsformationen (u.a. den Campanili di Popera: dort befindet sich auf 2350 m der Einstieg in den Klettersteig Aldo Roghel, siehe Bild).

Tag 2, Freitag: Heute sollten uns, genau wie am Samstag, etwa 10,5 Stunden „Unterwegs-am-Berg“ bevorstehen. Gut, dass wir das früh um kurz nach 8 Uhr beim Aufbruch von der Bertihütte noch nicht wussten… Über ein großes Geröllfeld gelangten wir in ca. 1 Stunde zum Einstieg in den Klettersteig „Aldo Roghel“. Gleich zu Beginn des Steiges warten auf uns einige anspruchsvolle Passagen in der steilen Wand, zunächst B/C, dann C/D. Wir meistern sie alle und steigen zur Scharte „Forcella tra le Guglie“ (2570 m) auf. Nach einer Mittagspause mit atemberaubendem Panorama (nicht nur beim Essen schön…) geht unsere Tour weiter und wir steigen in den nächsten Klettersteig ein, die „Via Ferrata Cengia Gabriella“. Dieser Steig führt uns über die typischen, teils sehr ausgesetzten Felsbänder der Dolomiten; das Ganze bei Schwierigkeiten von A-C, guter Laune und ebensolcher Kondition in der Gruppe. Aber der Tag ist ja noch nicht zu Ende: nach einer wohlverdienten Kaffeepause am Rifugio Carducci (2297 m) mussten unsere müden Füße noch einmal antreten, um uns zum Ziel des heutigen Tages zu tragen, der Zsigmondy-Hütte (auch als Comicihütte bekannt). Über die Forcella de Giralba-Scharte trugen sie uns und auch auf die „Hohe Leiste“, auf die wir uns im aufziehenden Nebel verlaufen hatten. Doch Tourleiter Peter brachte seine müde Truppe sicher auf die nahe dem mächtigen Zwölferkofel gelegene Zsigmondyhütte, die uns am Abend mit leckerem Essen, aber auch mit einer Gruppe laut grölender Italiener in Erinnerung bleibt. Die Nacht dort im Lager mit insgesamt wohl 30 Leuten vergessen wir ebenso wenig und werden uns beim nächsten Mal mit Wasserpistolen, Blasrohren, u. ä. gegen alle möglichen Unruhegeister wappnen.

Tag 3: Nach einer gefühlt viel zu kurzen Nacht und trotz bestem Kaffee irgendwie immer noch im Standby-Modus statt auf „on“, rief auch heute wieder zeitig der Berg – bzw. zunächst einmal der berühmte Alpinisteig. Mit ihm und dem dann folgenden Klettersteig Via Ferrata Mario Zandonella verbinden wir die gestrigen Steige zu einer großen Runde, dem „Giro del Gruppo Popera“ und können uns somit stolz als „Konditionstiger“ (so wird es im bereits erwähnten Klettersteigführer beschrieben) fühlen . Doch zunächst einmal liefen wir über die Bänder des Alpinisteiges, querten ein Schneefeld und stiegen zur Elferscharte auf 2650 m auf. Von da führte unsere Tour zur Sentinellascharte, und weiter zu alten Kriegsstellungen, wo wir eine kurze Mittagsrast einlegten.

Dann folgte der Einstieg in den eigentlichen Klettersteig, der uns viel Abwechslung bot: Überhang, breite Bänder, einen Kamin, Rinnen und nicht zuletzt eine mit Geröll gefüllte Schlucht, bei der durchaus einige Steine in Bewegung geraten können... Kurz danach erreichten wir das Gipfelkreuz der Sextener Rotwand – Gipfelglück pur auf 2936 m bei wunderbarer Rundumsicht! Nach der obligatorischen Fotosession mit Gipfelkreuz und glücklichen Gesichtern unter demselben wählten wir die Südostvariante der Via Ferrata Zandonella für den Abstieg. Auch hier waren wir mit Schwierigkeiten bis C noch einmal zur Höchstkonzentration beim Abklettern gefordert und bei der letzten Geröllabfahrt in Richtung Rifugio Berti, bei der wir ganz schön Bewegung in den Geröllhang brachten und manch eine(r) Bodenkontakt nicht nur mit den Füßen hatte, konnten wir uns auch noch nicht in den Entspannungsmodus begeben. Viel angespannter kam uns allerdings eine Italienerin vor, die ihre Route nur als „horribile, horribile“ bezeichnete, während ihr Mann wenig hilfsbereit im Anstieg vorauskletterte und sie dankbar Peters Hilfe in Anspruch nehmen konnte. Peters gute Taten an diesem Tag schienen grenzenlos und so sprintete er quasi zur Bertihütte, wo den Rest der Truppe, der deutlich später eintraf, bereits ein frisches Radler erwartete, so dass wir noch einmal die letzten Energien mobilisieren konnten, um zur Lunellihütte abzusteigen – die Bertihütte war wegen eines Festes für die berühmten Alpini nämlich leider voll. Doch das Rifugio Lunelli erwies sich als Glücksgriff, gab es doch ein 8er-Lager ganz für uns, Pasta mit frischen Steinpilzen und auch sonstige Gaumenfreuden. Die bayerische Flagge wurde vor unserem Fenster gehisst und so erwachten wir am nächsten Morgen quasi unter weiß-blauem Himmel.

Tag 4: Auf dem Heimweg am Sonntag legten wir noch einen kurzen Abstecher zur Sommerrodelbahn am Haunold in Innichen ein, natürlich ganz uneigennützig und nur um Rosi eine Freude zu machen - eine spaßige Verabschiedung von den wunderschönen Sextener Dolomiten. Wohlbehalten und mit vielen schönen Erinnerungen im Gepäck erreichten wir am Abend mit unserem „Musikbus“ (dank guter Radiosender verwandelte sich der AV-Bus nämlich in eine rollende Musikbox) Ansbach – vielen Dank an den Tourleiter und alle Mitstreiter für diese harmonische, lustige und erlebnisreiche Tour, die noch lange „nachhallt“!

1 Klettersteigführer Dolomiten, Südtirol, Gardasee. Alpinverlag, 2009, 1.Auflage, S.38

Rifugio Berti mit Einstieg in Klettersteig Aldo Roghel
Noch haben wir gut lachen, bald stehen uns C/D Stellen bevor...
Aufbruch nach der Mittagsrast zw. Aldo Roghel und Cengia Gabriella
eigentlich sollte das ein Frauenfoto werden....
Ausgesetzte Passagen im Klettersteig Cengia Gabriella
Bänder des Alpinisteiges, rechts hinten die Zsigmondyhütte
Einer der berühmten Alpini?! Nein, Clemens an der Sentinella-Scharte
Zwerge beim Abendessen am Rifugio Lunelli