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Hochtouren im Adamello-Gebiet

17.08.2013 - 24.08.2013
Autor: Erika Hartmann
Tour-Nr.: 2013/48

8 Tage - 8 Dreitausender (und ein Versuch)

17.8. - Geführt von Alex Härtlein starten wir (Bianca, Günter, Kerstin, Matthias, Stefan und ich) mit dem DAV-Bus in Ansbach zu unserer Hochtourenwoche im Adamellogebiet und stauen uns in 11 Stunden über die Brenner Autobahn zum Parkplatz am Ende des Val di Genova, das in alten Führern als still und menschenleer bezeichnet wird. Heute hat es dem heißen, viel zu langen Fahrtag die Krone aufgesetzt mit wuselnden Wanderermassen und permanentem Pkw- und Busgegenverkehr auf dem einspurig schmalen, kurvigen Bergsträsschen. Irgendwie haben wir es durch das Chaos bis zum Rifugio Bedole im Osten des Adamellogebiets, des südlichsten vergletscherten Gebirgsstocks der Ostalpen, geschafft.

Mit unseren schweren Hochtourenrucksäcken steigen wir auf zum Rifugio Mandron auf 2442 m, das wir mit Einbruch der Dunkelheit erreichen.

Hier logieren wir bei guter Verpflegung und italienischem Wein zwei Nächte im Zimmerlager, in dem es jedoch an Häken und Stauraum für Klamotten und Material fehlt. Das gilt auch für das neu und aufwändig renovierte und insgesamt sehr schöne Rifugio Lobbia Alta auf 3050 m, das wir ab dem 3. Tag als Basis für die weiteren Touren nutzen.

18.8. - Die Eingehtour führt uns bei Sonne und ein Paar Wölkchen (was mit wenigen Ausnahmen für die ganze Woche gilt) vom Rif. Mandron hauptsächlich über Blockgelände nach Norden über den Lago Scuro und den zuletzt sehr steilen und schuttigen Passo Maroccaro zunächst auf einen östlich des Passes gelegenen namenlosen Gipfel, wo wir auf 3030 m unsere erste Kriegsstellung aus dem 1. Weltkrieg vorfinden. Auf dem Kamm Richtung Osten befinden sich weitere Mauerreste, jedoch wurde der Verbindungsweg abgeschwemmt, sodass wir über eine Schutt- und Blockrinne absteigen um anschließend über Firnfelder und Blockgelände erst zum Passo Presena aufzusteigen und schließlich unser Tagesziel, den Gipfel der Cima Presena auf 3070 m, erreichen. Ein herrlicher Rundblick belohnt die Mühen. Beim Abstieg nutzen zwei kälteresistente Naturalisten unter uns einen kleinen Bergsee für ein erfrischendes Bad.

19.8. - Am dritten Tourentag steigen wir auf zum Rif. Ai caduti dell Adamello auf 3050 m, kurz Rif. Lobbia Alta nach dem Berg, an dessen Flanke die Hütte wie ein Schwalbennest gebaut ist und die wir über den relativ flachen Adamello-Gletscher und einen steilen, mit Felsbrocken übersäten Gletscherrest an dessen östlichem Rand, erreichen. Nach Bezug unseres Lagers (mit dreistöckigen Betten) steigen wir zum Cresta della Croce und seinem monumentalen Granitkreuz auf 3286 m über den nördlichen Blockgrat auf. Der Besuch der Kanone 149 / G aus dem 1. Weltkrieg, die auf einen etwas südlicheren Punkt dieses Gipfelgrats aus Granitblöcken und Firn geschleppt wurde, scheitert an aufziehendem Nebel, weshalb wir uns zu geordnetem Rückzug entschließen.

20.8. - Heute muss leider ein Bergsteiger aus unserer Gruppe wegen Erkrankung mit dem Hubschrauber ins Tal gebracht werden. Der Rest nutzt den Tag zur weiteren Akklimatisierung. Wir steigen etwa 200 Hm ab zum Lobbiagletscher, queren diesen nach Osten, baden unsere Bergschuhe in dessen östlicher Gletschersumpf- und Tümpellandschaft, finden am Gletscher Granatenhülsen und am Weg zum Passo della Topette eine Rolle rostigen Stacheldrahts und steigen weiter auf Kriegswegen an handaufgeschichteten Steinmauern mit Schießscharten vorbei auf einen Vorgipfel des Crozzon da Folgorida mit 3010 m. Pause bei Sonne mit Blick bis in die Brenta. Am Rückweg nehmen wir zwei italienische Bergkameraden mit zur Hütte, die den Zustieg vom Gletscher aus nicht finden konnten.

21.8. – Der Tag verspricht herrliches Wetter, sodass wir das Hauptziel der Tour, die Besteigung des Adamello, in Angriff nehmen. Der Vollmond steht noch über dem Corno Bianco als wir die Lobbia Alta Hütte verlassen. Wir queren über Firnfelder, Gletscherreste und Blockrücken im Westhang des Cresta della Croce nach Südwesten und betreten mit möglichst wenig Höhenverlust den Adamellogletscher. Über das weite, flache Firnfeld des Pian di Neve gelangen wir zu einer Gletscherstufe mit Spaltenzone zwischen Corni di Salarno im Süden und Corno Bianco im Norden, die wir weit nördlich überwinden. Weiter über Firn zum steileren Ostgrat des Monte Adamello. Leichte Blockkletterei und ein weiteres Firnfeld bringen uns zum Gipfel auf 3539 m mit seinen zwei Kreuzen und der Adamelloglocke. Die Aussicht ist großartig zum Ortlergebiet im Norden, der Bernina im Nordwesten, dem Alpenhauptkamm weit hinten im Nordosten, zur Brenta im Osten, zum Care Alto als beeindruckender Felspyramide mit Firnflanke im Südosten, zu den schwarzen Gipfeln des südlichen Adamellogebiets und auf die weiß glitzernden Gletscher rund herum. Es ist warm, windstill, die Sonne scheint vom blauen Himmel, wir bleiben lange und genießen.

Als uns die fortschreitende Zeit drängt überschreiten wir den Adamello nach Südwesten Richtung Corno Miller und queren über den Pian di Neve zurück zur Aufstiegsspur. Abends feiern wir die erfolgreiche, lange Tour.

22.8. – Wir steigen noch einmal ab zum Lobbia Gletscher, queren diesen nach Südost und arbeiten uns das zunehmend steilere Firnfeld Richtung Crozzon di Lares, einem gerühmten Aussichtsgipfel der Region, hinauf. Entgegen der Beschreibung in einem älteren Führer ist er wegen des drastischen Gletscherschwunds gar nicht mehr einfach zu besteigen, die felsige Westflanke ist sehr steil, brüchig und mit losem Schutt übersät, sodass wir aus Sicherheitsgründen zähneknirschend auf den knapp 100 Hm entfernten Gipfel verzichten. Der Passo di Lares gibt den Blick nach Osten frei über den Laresgletscher mit einem kugelrunden Gletschersee mit steilen Eiswänden sowie den Lago di Lares und uns damit eine Idee davon, welche Aussicht uns am Gipfel erwartet hätte. Ersatzweise besuchen wir den Passo di Cavento auf 3198 m etwas weiter südlich mit dem Bivacco G. Laeng, zu dem im Fels ein gesicherter Steig neu angelegt wurde. Wir steigen weiter auf einen nördlich des Bivaccos gelegenen Vorgipfel des Punta Attilio Calvi mit 3266 m, zu dessen Kriegsstellung wir in teils luftiger Blockkletterei gelangen. Zum Abschluss des Tages gönnen sich zwei Tourteilnehmerinnen den Hüttenberg Lobbia Alta mit 3196 m, der mit verrosteten Stacheldrahtsperren an der ehemaligen Verteidigungslinie, weiteren befestigten Stellungen und schönem Blockgelände auf seine Besucher wartet. An dessen Fuß, oberhalb des Lobbia Alta Passes, ist der Hubschrauberlandeplatz für die Versorgung der Hütte und eine Altarplattform, die an den Besuch des Papst Johannes Paul II in den 80er Jahren erinnert.

23.8. – Er läutet mit einer abstiegsorientierten Tour das nahende Ende der Hochtourenwoche ein. Nach Überquerung des aperen Adamellogletschers in nördlicher Richtung steigen wir über dessen nordwestliche Seitenmoräne und vom Gletscher glatt geschliffene Felsen in ein Blockkar, durch das wir in mehreren Stufen zum Passo della Valletta gelangen. Eine aufwallende Nebelwand aus Nordost veranlasst uns, statt auf den geplanten Monte Mandrone über Firn und Blockgelände auf den Monte Venezia mit 3290 m anzusteigen. Oben treffen wir wieder auf Kriegsstellungen – diese schöne Gletscherlandschaft muss im 1. Weltkrieg ein tödlicher und leidvoller Hexenkessel gewesen sein.

Donner aus der Suppe im Norden hinterm Mandronekamm lässt uns nach kurzem Gipfelgenuss und Ausblick über die umliegenden Gletscher flott absteigen. Über uns scheint zunächst weiter die Sonne. Nach ca 2/3 der Strecke zur Mandrone-Hütte erreicht uns das Gewitter. Es nistet sich direkt über uns ein und überschüttet uns mit Hagel. Triefend und teils mit zerschossenen Regenumhängen erreichen wir endlich die Mandrone-Hütte.

24.8. – Wir steigen wieder bei Sonne zum Parkplatz am Rifugio Bedole ab. Zwei Maulesel verabschieden uns, die Abfahrt aus dem Val di Genova beginnen wir hinter dem Talbus und einer Rinderherde. Günter gönnt sich in Pinzolo neue Bergschuhe (wobei die alten nach der Generalsanierung auf der Lobbia Alta Hütte sicher noch eine Tour ausgehalten hätten) und verlässt uns am Bahnhof von Imst. Der Rest der Gruppe erreicht den Ausgangspunkt der Reise, bereichert um viele tolle Eindrücke und Erinnerungen.

Navigator Alex, wir danken Dir für diese klasse Tour und die souveräne Führung!

Blick über den Lago Mandron
Aufbruch zum Monte Adamello mit Vollmond über dem Corno Bianco
Auf dem Adamello-Gletscher, im Hintergrund das Corno Bianco
Blick über das Pian di Neve Adamello
Am Gipfel des Monte Adamello - 3539 m
Am Passo di Lares - 3237 m
17-Uhr-Bier auf der Terrasse der Lobbia Alta
Abstieg über den Adamello-Gletscher
Spaltenzone am Adamello-Gletscher
die Teilnehmer