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Babbelboombee oder Birnboombee

29.09.2013 - 06.10.2013
Autor: Dietmar Weiß
Tour-Nr.: 2013/54

Stiegen und Steine in der Sächsischen Schweiz

Den ersten sächsischen Kontakt hörten wir im Zug nach Dresden. Die Zugschaffnerin kontrollierte die Fahrkarte von einem älteren Mann neben uns, mit dem Ergebnis, dass er nachlösen musste. Dabei fielen ein paar Münzen auf den Boden. Manch einer wäre in diesem Moment über den Zeitverlust und die fehlende Fahrkarte genervt, aber unsere Zugbegleiterin begann die Münzen aufzusammeln und bemerkte dabei lachend und freundlich: „Nu, zum Gligg falln de Minzen nooch undn, sonsd missdmor ooch nuch hubbn und biggn kenn mor uns ja noch.“

Damit lag die Vermutung nahe, die Sachsen müssen freundliche Leute sein und das hat sich dann im Verlauf unserer Stiegenwoche vom 29.09. bis 06.10.2013 auch bestätigt. Besonders die Bedienungen in unserer Unterkunft und der Zimmerservice waren von einer natürlichen Freundlichkeit beseelt. Manche wurden dabei sogar richtig „Nancy“-süchtig! Unsere Übernachtungsstätte „Berghof Lichtenhain“ war jeden Cent wert und der Werbespruch „mit einzigartigem Panorama“ ist nicht übertrieben. Da man jedoch nur von Luft und Liebe nicht leben kann, spielte natürlich auch das Essen und Trinken in unserer Wandergruppe eine bedeutende Rolle. Schon beim sehr reichhaltigen Frühstücksbüffet mit einem „Schälchn Heeßn“ gab es heiße Diskussionen, was man am Abend essen könnte. Besonders begehrt war dabei das Förstersteak mit einer Riesenportion frischer Pilze, zu denen auch Norbert einen winzig kleinen, aber selbstgefundenen Teil beisteuerte. Andere fanden wiederum im „Banana-Joe“ eine vielschichtige sensorische Freude. Egal , ob Forellen, Pfeffersteak oder Sülze mit Bratkartoffeln, es war alles reichlich und von hervorragender Qualität. Danach mundete das frisch gezapfte und äußerst süffige Bier aus der böhmischen „Königlichen Brauerei Krusovice“ noch besser als vor dem Essen. Als die Tage im Laufe der Woche kälter wurden, spielte auch der Grog als Aperitif eine immer größere Rolle und die Weinkarte gewann zur späteren Stunde an Attraktivität, was die latent vorhandene Gesprächsbereitschaft noch beflügelte.

Frank, in diesem Fall unser „Stiegenleiter, manchmal auch –halter“, sonst eigentlich Jugendreferent der Sektion Ansbach, hatte bei der Wahl unserer „Boofe“ ins Schwarze getroffen. Auch beim Wetter hat er sich nicht lumpen lassen. Wer schafft schon eine ganze Wanderwoche ohne einen einzigen Regentropfen mit fast immer ungetrübten blauen Himmel und einer schier unendlichen Fernsicht bis weit nach Böhmen hinein? Einzig und allein beim Wind hat er etwas übertrieben. Dieser ließ die Wälder rauschen, strich vehement und überraschend um die Felskanten herum und erreichte auf den glatten, an den Rändern leicht gewellten Höhen der Felsplateaus, in Böen auch mal Sturmstärke, so dass Odette einige Male um ihren Standpunkt kämpfen musste (also nicht nur bei Günter). Im Laufe der Woche wurde der „Böhmische Wind“ immer kälter und die Kleiderschichten so dick wie im Winter. Die meisten zogen ihre Mützen tief ins Gesicht, um eine komplette Auskühlung zu verhindern. Vermutlich wollte uns Frank die sächsische Wildnis hautnah erleben lassen und zeigen, dass Sachsen nichts für Weicheier ist.

Dies testete er an uns dann auch bei den Wanderungen aus. Am ersten eigentlichen Wandertag ging es gleich ordentlich zur Sache und er jagte uns am Schluss einer langen Wanderung mit einigen „Steenen“ (s. Kurzbeschreibung) auch noch kreuz und quer durch die Affensteine und dann als krönenden Abschluss, trieb er uns noch mit einem wissenden Grinsen durch die „Wilde Hölle“, einem Tohuwabohu aus Stiegen, Leitern, Tritten und odettehohen Felsstufen, zurück zum Lichtenhainer Wasserfall und hungrig und durstig wieder hinauf zu unserem lang ersehnten Berghof. Dort oben angekommen, waren fast alle der Ansicht, dass Frank nun sein ganzes Pulver verschossen hätte und wir alles gesehen hätten. Weit gefehlt! Er führte uns auch an den nächsten fünf Wandertagen auf immer neuen Wegen zu weiteren Steinformationen, Aussichtspunkten, Sehenswürdigkeiten und fast hinter jeder Ecke wartete eine neue Überraschung auf uns. Er führte uns durch feuchte Waldgebiete, durch lichten Mischwald, an leise plätschernden Bächen mit einer Vielzahl von Farnen, Moosen und Flechten entlang, dann wieder in enge, fast schon bedrohliche Schluchten, die oft in immer steiler werdenden Trittleitern endeten und manchmal durch so schmale Felsspalten führten, dass der Warnruf „Heike steckt“, die nachkommenden Aufsteiger zutiefst erschreckte und immer weiter hinauf zu den sonnen- und winddurchfluteten Hochplateaus mit unvorstellbar schönen Aussichtspunkten über den gesamten „Nationalpark Sächsische Schweiz“. Er zeigte uns Felsformationen, die nur wenige kennen (z. B. die Flohspitze, die er mit Jugendkletterern der Sektion Ansbach bereits bestiegen hat), aber auch bekannte wie die „Barbarine“, das beeindruckende Wahrzeichen der Sächsischen Schweiz, die „Große Gans“, die „Lokomotive“ und noch viele mehr. Er zeigte uns die großen „Steene“, wie den Papststein, den Gohrisch, den Pfaffenstein und die Bastei, um nur einige zu nennen, und noch viele, viele „kleene Steene“. Wir bewunderten die vielfältigen Formen, die im Sandstein durch seine Verwitterung oft künstlerisch hervortraten, die bizarren Kleinstrukturen, die sich durch die eisenhaltigen Lagen herauskristallisierten, die Bäume, die sich an die Felsen wie an einen Rettungsanker klammerten und genossen manchmal auch nur die Ruhe, die sich abseits der großen Touristenwege ausbreitete (falls ausnahmsweise mal nicht „gebabbelt“ wurde). Kurz gesagt, es war ein Feuerwerk an Eindrücken und unser Frank war ein überragender Wanderführer, der die Sächsische Schweiz wie seine eigene Hosentasche kennt, und die Gruppe mit sanfter Autorität durch die wilden Steige begleitete.

Doch auch die Wandergruppe forderte ihren Tribut ein. Nachdem der erste Tag ohne Einkehr verstrich, weil es einmal zu früh und einmal zu spät war und wir nur auf unser Lunchpaket angewiesen waren, setzte dann doch ein allgemeines Gruppen-Grummeln ein. Ausrufe wie „Unterbier“, „Groggy“ (Synonym für Untergrog), „Mei Hax“, „Mei Gniee“, „A Schwammerl stooopp“, „A Farn“ und „Amol a Foddo machn“ hallte es zeitweise durch den Wald. So kam uns Frank an den nächsten Tagen ein Stück entgegen und versuchte wenigstens eine Einkehr pro Ausflug zu ermöglichen. Zum Glück, denn so manche Wirtschaft entpuppte sich als kleines Idyll in der rauen Landschaft und fast überall gab es das gute Krusovice oder auch einen heißen, hochprozentigen Grog. Besonders erwähnen möchte ich die rustikale Buschmühle, die gerne von Kletterern und Bergwachtlern besucht wird, die „Biomühle“ in Schmilka mit wagenradgroßen Mohnkuchen und Eierschecken, dazu ein Biobier vom Neumarkter Lammsbräu und die liebevoll restaurierte Brand-Baude mit Thüringer Bratwürsten vom Holzkohlengrill. Hmmh, lecker! Gut, dass wir gegrummelt haben! Und so wandelte sich das unterschwellige Gruppen-Grummeln alsbald wieder in ein hoch zufriedenes Gruppen-Grunzen mit vielen kleinen Wohllauten für unseren Rudelführer Frank.

Natürlich entwickelte unter diesen Umständen jeder Teilnehmer seine ureigenen spezialisierten Fähigkeiten, die ich im Folgenden kurz bezeichnen darf:

Brigitte reift zur Farnspezialistin heran und kann nun mindestens vier Farnarten voneinander unterscheiden; ihre Erlebnisse in der Wildnis verarbeitete sie mit Albträumen,

Axel (für manche Gruppenteilnehmer auch Alex) profilierte sich als erfolgreicher Geocacher und Profifotograph mit Stativträger,

Heike wurde zur Testperson für die schmalen Spaltenzugänge, da sie selber sehr schmal ist. Bei dem Ausruf „Heike steckt“ verzichteten andere Gruppenteilnehmer in weiser Voraussicht auf diese Stiege,

Harry hat sich mit seiner Kurzhaarfrisur vorbildlich auf die engen Spalten und die extremen Windverhältnisse vorbereitet. Auch das Abendessen hatte er zur psychischen Entlastung bereits zum Frühstück bis ins Detail ausgeklügelt,

Norbert, unser Ober-Grummler, konnte die Schwammerl bei unserem Wandertempo nur verwischt aus dem Augenwinkel heraus erkennen und hätte sonst wesentlich mehr zum Förstersteak beigetragen; setzte sich in lobenswerter Weise für die Rechte der Gruppenteilnehmer auf Essen und Trinken ein,

Odette, unsere „Frosthucke“, kleidete sich von Tag zu Tag immer wärmer, bis ihr die Kleidungsstücke ausgingen und sie selbst fast nicht mehr zu erkennen war. Durch diese Gewichtssteigerung hat sie es auch geschafft, dem Wind wenigstens annäherungsweise Paroli zu bieten,

Günter, unser sportliches Allroundtalent hat erkennen müssen, dass es Gegenden gibt, in denen Mountain-Bike-Fahren nahezu unmöglich ist. Aber ich bin überzeugt, dass er trotzdem so manche Stiege gedanklich abgefahren hat,

Rudi, der unermüdliche Wald- und Felsenläufer stellte zahlreiche Vergleiche mit seiner oberpfälzischen Heimat im Hirschbachtal her und freute sich sakrisch auf seinen bestellten Karpfen nach der Heimreise;

Dietmar, der integre Autor dieses Beitrags verhielt sich stets nett und höflich. Leichte Verspannungen ergaben sich nur durch die Gerüchteküche, dass die Knieprobleme nur vorgetäuscht seien. Da könnt ich schon ein bisschen „diggschn“,

Frank wurde in dem Bericht schon genug gelobt. Da seine Mützensammlung nicht ausreichte, dass er jeden Tag eine andere Mütze trägt, haben wir dem Bub noch eine Mütze für seinen „Däähds“ spendiert. Doch weil es so genial war, noch einmal ein dickes Danke!

Genug gezeckelt, zum Abschluss noch die nackten Tatsachen in Kurzform:

Sonntag, den 29.09.13:

Anreise mit dem Zug nach Bad Schandau – Elbfähre – auf dem Panoramaweg mit ersten Blicken auf Schrammsteine und Affensteine nach Mittelndorf –Einkehrschwung –weiter auf dem Panoramaweg nach Lichtenhain – Einquartierung Berghof - Förstersteak.

Montag, den 30.09.:

Abstieg auf dem Hörnelweg zum Lichtenhainer Wasserfall – Aufstieg zum Kuhstall – über die Himmelsleiter auf den Neuen Wildenstein – hinab zum Schneiderloch – durch die Queenwiesen zum Hinteren Raubschloß auf den Winterstein – Lunchpaketpause! –runter und gleich wieder hoch auf die Bärenfangwände – auf Höhe zu den Affensteinen mit Aussichtspunkt Carola-Felsen (der Magen knurrt, der Mund ist trocken) – durch die Wilde Hölle hinab, am Bloßstock mit der Brosin-Nadel vorbei bis zum Lichtenhainer Wasserfall – über den Folgenweg hinauf zum Berghof – Förstersteak.

Dienstag, den 01.10.:

Bus Bad Schandau – Fähre – S-Bahn nach Wehlen –auf dem Malerweg durch den Wehlener Grund mit Abstecher zur Heringshöhle und den Teufelsschlüchten – weiter durch den Uttewalder Grund mit dem bekannten Uttewalder Felsentor (beliebtes Motiv vieler romantischer Maler) – den Kluftsteig aufwärts nach Rathewalde – Einkehr!!!! – am Grünbach hinab zum Amselfall mit Ziehung des Wasserfalls für 30 ct. – über 839 Stufen hinauf durch die Schwedenlöcher zur Bastei mit Blick auf den Wehlgrund (Felsenbühne), Große Gans und Lokomotive – Abstieg zum Kurort Rathen – Seilfähre über die Elbe – S-Bahn Bad Schandau – Bus Berghof – Förstersteak.

Mittwoch, den 02.10.:

Bus über Sebnitz nach Hinterhermsdorf – Besichtigung eines Umgebindehauses – durch den Wald zum Aussichtsfelsen Taubenstein – hinab ins Krinitschtal zur Bootsstation – Abstecher zum Hermannseck (Heike steckt!) – entlang dem friedlichen Krinitzschtal über die Niedere Schleuse zur rustikalen Buschmühle - Einkehr!!!! – danach Gruppenspaltung, ein Teil mit Bus zum Lichtenhainer Wasserfall – der andere Teil zum Aussichtsfelsen Großstein hinauf und über Ottendorf zum Berghof – Förstersteak.

Donnerstag, den 03.10.:

Bus Bad Schandau – Fähre – über den Täppigsteig hinauf zum Papst – hinunter und gleich wieder hinauf zum Gohrischstein –Abstieg durch die Falkenschlucht – durch weite Farnwälder zum Pfaffenstein – über den Klammweg hinauf und Einkehr!!!! am Sandsteinturm – Abstecher zur imposanten Barbarine mit leichten Klettereien – Abstieg über das Nadelöhr nach Königstein – Geocaching – S-Bahn nach Bad Schandau – Geocaching – Bus Berghof – Förstersteak.

Freitag, den 04.10.:

Abstieg zum Lichtenhainer Wasserfall, durch den Pilzwald (wenn man sie sieht) mit Ausblick auf den Falkenstein (Riss, VII c) zu den Schrammsteinen – über den Wildschützensteig zur Schrammsteinaussicht mit weitem Blick nach Westen auf dem ausgesetzten Schrammsteingrat zur Flohspitze – über die Heilige Stiege hinab nach Schmilka – Einkehr!!!! in der Bio-Mühle mit wagenradgroßen Kuchenstücken – Gruppenspaltung, ein Teil mit der Elbfähre nach Bad Schandau und mit dem Bus zum Berghof, - der andere Teil über den Lehnsteig zum Frienstein mit der ausgesetzten Idagrotte, - hinab zum Bloßstock und über den Dietrichsgrund zum Lichtenhainer Wasserfall – hinauf zum Berghof – Forelle aus Ehrenberg.

Samstag, den 05.10.:

Mit dem Bus zur Wanderhaltestelle Amselfall – durch den Wald zum Aussichtspunkt Hockstein – durch die Wolfsschlucht ins Polenz-Tal – wieder hinauf zur Burg Hohnstein – Mützenkauf für unseren Stiegenführer – Besuch der Hohnsteiner Kasperlefiguren – weiter über die Gautschgrote auf dem Malerweg zur Brand-Baude – Einkehr!!! Thüringer Rostbratwurst, Gulasch aus der Kanone – Geocaching –Abstieg über den Ochelweg nach Kohlmühle –rasanter Schienenbusersatzverkehr nach Bad Schandau – Geocaching – Bus Berghof – Knoblauchsuppe, Förstersteak, Banana-Joe.

Sonntag, den 06.10.:

Bus Bad Schandau – Treppen Bahnhof- S.Bahn nach Dresden -IRE über Weiden nach Nürnberg – Treppen Bahnhof – S-Bahn nach Ansbach – Treppen Bahnhof - zuhause – Eingangstreppen - 1 x Karpfen bitte.

Frank hat sich die Mühe gemacht und die größten Stiegen einmal zusammengezählt. Ich zitiere:

„Das ergibt zusammen die stolze Summe von 10572 Stufen in sieben Tagen. Gemäß der DIN 18065 gelten in Bayern als Grenzmaße in Wohnungen bzw. Gebäuden mit max. zwei Wohnungen210 mm bei der Stufenhöhe. Setzen wir diese zu Grunde, und alle wissen (besonders Odette), dass dies sicher nicht die Norm war, so kommen wir auf eine zurück gelegte Höhendifferenz, allein über Stufen, von 2220,12 m.“

Zum Schluss noch das schönste Lob: Alle würden gerne wieder die Sächsische Schweiz besuchen und alle würden sich auch wieder unserem Bergführer Frank anvertrauen.

Die Himmelsleiter und das wissende Grinsen
Die Himmelsleiter
Blick vom Carola-Felsen
Die Wandergruppe auf dem Taubenstein
Auf dem Großstein
Kletterübungen am Papststein
Die Barbarine mit Lilienstein
Frank in der Idagrotte
Einkehr in der Brand-Baude
Die neue Mütze für sein Däähds...