Naturkundliche Wanderung im Kleinwalsertal

21.06.2014 - 22.06.2014
Autor: Elisabeth Seitz
Tour-Nr.: 2014-02-56

Aneignung von geologischem und botanischem Wissen in herrlicher Natur

Leitung:
Herbert Gachstatter
Gerhard Zumach

Die naturkundliche Bergwanderung im Kleinwalsertal hatte der damalige Fachübungsleiter Berg­steigen und Naturschutzreferent der Sektion Ansbach, Roland Mader (+16. Oktober 2003), mein ver­storbener Ehemann, vor zehn Jahren geplant. Die Tour sollte zur Sommersonnenwende 2004 stattfinden, wozu es wegen Rolands tödlichem Badeunfall in der Bucht von Mondello bei  Palermo im Oktober 2003 nicht mehr kam.

Das Allgäu war Rolands Heimat, er war in Immenstadt geboren und aufgewachsen. Die Grasberge mit den bis zu 70 Grad steilen Flanken und ihre vielfältige Natur kannte er wie seine Westentasche. Viele Allgäuer Gipfel hatte er in seiner Jugend oder später bestiegen. Die Alpen und ihre Natur anderen Menschen nahe zu bringen war ihm ein sehr wichtiges Anliegen. Umso mehr freute es mich, dass der Ansbacher Alpenverein zu Rolands Gedenken einige Touren aus seinem für 2004 geplanten Programm anbot, wie diese naturkundliche Wanderung.

Am Abend des 20. Juni 2014 fuhren Stefan Berger und ich von Schweinfurt aus über Würzburg nach Ansbach. Dort besuchten wir das Altstadtfest, tranken einen Caipirinha und durften anschließend bei den Zumachs übernachten. So konnten wir am nächsten Morgen um 6 Uhr am Treffpunkt vor der Geschäftsstelle des Ansbacher Alpenvereins stehen und mit Gerhard und Gudrun, Herbert, Karoline, Christine, Thomas, Karin, Sylvia, Ulrike, Tanja, Ute, Gabi, und Wilhelm mit zwei VW-Bussen die Fahrt nach Baad ins Kleinwalsertal antreten. Nach zwei kleineren Kaffee-Pausen in Autobahnraststätten trafen wir in Baad mit einstündiger Verspätung auf Ute, die bereits vor Ort in Urlaub war und sich auf die Bergwanderung vorbereitet hatte.

Nach Hallo und Startvorbereitungen begannen wir bei gutem und stabilem Wetter den Aufstieg zur Mittleren Spitalalpe. Gleich bildete sich eine kleine, schnelle Vorhut aus, die im Gegenzug auf die geologischen und botanischen Erklärungen der beiden Tourenleiter, Herbert und Gerhard, verzichten musste. Alleine der leckeren Buttermilch mit frischen Früchten, die es auf der Mittleren Spitalalpe gab, war es zu verdanken, dass wir uns wieder fanden.

Von der Spitalalpe aus blickten wir auf die bis zu den Gipfeln begrünten Grasberge mit den beein­druckend steilen Grashängen. Gerhard erläuterte und fotografierte die üppige Blumenpracht. Zunächst trafen wir auf den nährstoffreichen Weiden auf große Mengen des stark giftigen Weißen Germers, den erfahrene Kühe meiden, an dem Kälber jedoch manchmal zugrunde gehen. Auch Wiesen-Sauerampfer gab es viel zu sehen, weswegen wir seine wiederentdeckte Verwendung in der Küche in Salaten und in Suppen diskutierten. Am Wegesrand zeigte sich, dass es genau die richtige Jahreszeit für die naturkundliche Wanderung war. Die Pflanzenwelt stand in voller Blüte: Sofort ging es mit den Knabenkräutern los, wie im Volksmund verschiedene Orchideengattungen genannt werden. Es folgten der kleine Klappertopf, der große Wiesen- und kleinere Wald-Storchenschnabel, die vielen hell-lila Federbuschen der Akelei-blättrigen Wiesenraute, das mierenblättrige Weiden­röschen, der blaue Eisenhut, die weiße ährige Teufelskralle, die blaue kugelige Teufelskralle, verschiedene Bergflockenblumen, echter und kleiner Baldrian, die gelbe Platterbse, um nur eine spektakuläre Auswahl der gesehenen Blumen zu nennen.

Auf dem Derrenjoch legte sogar unsere schnelle Vorhut ein Fotoshooting ein, um sich mit dem alpinen Highlight, dem stängellosen blauen Enzian ablichten zu lassen. Nun löste der gelbe Enzian den weißen Germer ab. In feuchtem Gelände gab es wunderschöne große Trollblumen. Wir trafen auf das gelbe Läusekraut. Unterhalb der Güntlespitze kamen wir an einem Schneetälchen vorbei, wo die Alpen-Soldanelle und der Alpenhahnenfuß blühten. Besonders schön waren die vielen großen weißen Alpen-Küchenschellen an der Güntlespitze. Dort sahen wir auch eine Straußglockenblume.

Trotz Verspätung und intensiver Beschäftigung mit der Natur blieb uns ausreichend Zeit, um über den langen Grat und das Starzeljoch zum Neuhornbachhaus zu laufen. Auf dem langen Grat sahen wir die kleinen kriechenden, jedoch recht alten Stumpfblättrigen Weiden und die Grün-Erlen, welche beide die Hänge festigen und zusammenhalten. Kundige entdeckten ein lebend gebärendes Süßgras. Ganz besonders fühlten wir uns, weil wir direkt auf der Europäischen Hauptwasserscheide zwischen Nordsee und Schwarzem Meer liefen. Diese führt hier vom Hohen Ifen und Gerachsattel über den langen Grat zum Hochalppass westlich des Widdersteins. Nach dem wir auf dem Starzeljoch ange­kommen waren, galt es auf gut befestigtem Weg noch eine Dreiviertelstunde bis zum Neuhorn­bachhaus durchzuhalten.

Auf dem Neuhornbachhaus angekommen, wurden wir mit einem guten und reichlichen Abendessen belohnt. Zur Sommersonnenwende entfachte der Hüttenwirt ein Johannisfeuer, auch auf dem gegenüberliegenden Gipfel, der Üntschenspitze, konnten wir diesen Brauch beobachten. Die Fußballbegeisterten sahen sich im Nebenraum und von draußen durchs Fenster das Weltmeister­schafts-Spiel Deutschland gegen Ghana an. Sie hielten die weniger Fußballbegeisterten, die sich im Freien oder im Gastraum aufhielten, mit ihren Lautäußerungen auf dem Laufenden.     

Nach einer Diskussion um die Schlafplätze ergaben sich ein Damen-, ein Herren- und ein gemischtes Zimmer mit den Paaren.

Die Aufteilung erwies sich als glücklich, da alle am nächsten Morgen gutgelaunt beim Frühstück erschienen. Danach ging es eine knappe Stunde lang hinauf zum Kreuzmandl. Unterwegs trafen wir auf weidende Pferde, die Stefan mit einem Schokoladenstück anlockte. Vom Kreuzmandl ging es den Grat entlang zum Steinmandl. Die Blumenpracht war erneut umwerfend.

Nach einer Rast auf dem Steinmandl liefen wir zur Schwarzwasserhütte hinunter. Die Jause und die Aussicht von der Terrasse tat allen gut. Es folgte der knapp einstündige, sonnengewärmte Aufstieg zur Ochsenhoferscharte, von wo aus wir direkt über die verfallene äußere Stierhofalpe nach Baad abstiegen. Dort genehmigten wir uns einen Eiskaffee, Eisbecher oder eine Brotzeit. Mit einer letzten gemeinsamen Pause in einer Autobahnraststätte fuhren wir wieder nach Ansbach zurück.

Die naturkundlichen Wanderer am Neuhornbachhaus - Hintergrund Üntschenspitze
Gipfelrast
Waldstorchenschnabel
Bachnelkenwurz
Orangerotes Habichtskraut
Vor der Mittleren Spitalalpe
Derrenalpe mit Widderstein
Trollblumen am Grat - im Hintergrund der Hohe Ifen
Abendstimmung - Widderstein über dem Derrenjoch
Akeleiblättrige Wiesenraute
Auf dem Steinmandl