Traumbedingungen auf dem Monte Cevedale

09.03.2014 - 15.03.2014
Autor: Botsch Tilman
Tour-Nr.: 2014-02-14

vergebliches Schneeschaufeln nach dem verlorenen Autoschlüssel

Dass Südtirol im Januar 2014 im Schnee nahezu ertrunken sein musste, konnten wir noch Anfang März gut erkennen, als wir an einem Sonntagmittag mit dem Sektionsbus das Marteller Tal hinauffuhren. Dicke Schneehauben bedeckten die Hüttendächer und oft sahen wir aus dem Bus nur auf meterhohe Schneemauern links und rechts der Straße. Doch jetzt im März schneite es nicht mehr, sondern die Sonne lachte vom strahlend blauen Himmel und der Wetterbericht versprach uns ein Azorenhoch mit einer ganzen Woche besten Skitourenbedingungen. Entsprechend groß war unsere Vorfreude, als wir am Nachmittag vom Ende der Straße zur Zufallshütte aufstiegen. Wir, das waren Susi, Jürgen, Ronald, Uwe und ich. Bereits im letzten Jahr waren wir, damals geführt von Wolfgang, in diesem Gebiet gewesen und hatten zwei schöne Skitouren erlebt. Wegen Wetterwechsel mussten wir damals aber leider auf die Besteigung des Monte Cevedale verzichten. Das sollte dieses Mal nachgeholt werden.

Als Eingehtour bestiegen wir am Montag die Madritschspitz mit ihrem tollen Blick über das Suldener Skigebiet hinüber auf Königsspitze, Monte Zebru und Ortler. Unser Aufstieg erfolgte von Süden her durch das Butzental und in der prallen Sonne stiegen wir im T-Shirt und einer von uns gar mit freiem Oberkörper auf. Um den Bruchharsch der Südhänge zu vermeiden, wählten wir zur Abfahrt den Nordhang hinein ins Madritschtal, über den wir im Vorjahr durch traumhaften Pulverschnee schwingen durften. Dieses Jahr waren die Bedingungen jedoch deutlich anders. Windverpresster Schnee wechselte mit Bruchharsch ab und Pulverschnee gab es lediglich unter dem Harschdeckel. Die Abfahrt war grauenhaft und wir freuten uns, als wir wieder an unserer Hütte ankamen und den Tag auf der Terrasse ausklingen lassen konnten.

Noch eine zweite Nacht verbrachten wir auf der Zufallshütte und wechselten dann am Dienstagvormittag hinauf auf die 400 Meter höher liegende Marteller Hütte, wo wir wie schon im Vorjahr von Hüttenwirt Peter außerordentlich freundlich begrüßt wurden. Wir bezogen unser Lager und marschierten dann mit leichtem Tagesgepäck weiter zu unserem heutigen Ziel, der Köllkuppe bzw. Cima Marmotta. Nach zwei Steilstufen erreichten wir den Hohenferner, überquerten den flachen Gletscher und standen schließlich kurz darauf auf dem 3300 Meter hohen Gipfel. Im Vergleich zum Vortag sahen wir jetzt Zufallspitze und Cevedale von der anderen Seite, so dass sich diese beiden Gipfel beeindruckend links an das "Ortler-Dreigestirn" anreihten. Faszinierend war aber auch der Blick in Richtung Osten und Süden zum Etschtal und den Dolomiten. Natürlich versäumte es Jürgen nicht, am Gipfel mit Hilfe seiner mobilen Werkstatt und mitgebrachten Blechstreifen eine echte Spenglerpfeife anzufertigen und zu verschenken. Wir selbst empfanden vor allem die sich anschließende Abfahrt als großes Geschenk. Der überwiegende Teil der Strecke war in den letzten Tagen wohl relativ windgeschützt gewesen und erfreute uns deshalb mit bestem Pulverschnee, der an einigen Stellen sogar noch unberührt war.

Nach diesen beiden Eingehtouren fühlten wir uns gut vorbereitet auf den Höhepunkt unserer Woche, die Besteigung von Zufallspitze und Cevedale. Der Abmarsch wurde auf Mittwoch, 6:30 Uhr angesetzt und tatsächlich brachen wir kurz nach Dämmerung um 6:45 Uhr auf. Im Schatten ging es von der Hütte hinüber auf den zwar flachen aber sehr langen Anstieg in Richtung Westen über den Zufallferner. Nach 6 Kilometern und in ca. 3300 Meter Höhe erblickten wir erstmals die Casatihütte im Langenferner Joch zwischen Monte Cevedale und Suldenspitze und schwenkten scharf links in Richtung Südost direkt auf den Gipfel des Monte Cevedale zu. Wieder ging es relativ flach und unproblematisch weiter bis kurz vor den Gipfelanstieg. Dort montierten wir Harscheisen und erreichten nach Überquerung der Randspalte und einer letzten Steilpassage den Firngrat des Monte Cevadale. Nach wenigen Metern in Richtung Süden stehen wir in 3769 m Höhe am Gipfelkreuz und sind fasziniert von dem sich bietenden Panorama. Großglockner, Marmolada, Adamello, Bernina, Ortler, Königsspitze und viele andere Gipfel grüßen uns bei klarer Sicht und strahlend blauem Himmel aus der Ferne oder der Nähe.

Nach Genuss der Aussicht, dem Herstellen und Verschenken einer weiteren Spenglerpfeife und gefühlten fünfhundert Fotos fahren wir eine kurze Strecke in den Südosthang hinein ab, steigen wieder ein paar Meter auf und erreichen wenige Minuten später den Gipfel der Zufallspitze. Bei Windstille machen wir direkt unter dem Gipfelaufbau Mittagsrast und stellen zum wiederholten Mal fest, dass wir uns in Anbetracht dieser Erlebnisse als sehr privilegiert fühlen müssen. Nach ausgiebiger Stärkung wartet die Abfahrt auf uns und wir schwingen hinein in den steilen und firnigen Südhang der Zufallspitze. Ungefähr 300 Höhenmeter fahren wir über den Cevedaleferner ab, bevor wir nochmals 80 Meter aufsteigen müssen, um wieder auf den Nordhang zurückzukehren, über den wir durch grauenhaften Bruchharsch zur Hütte abfahren. Aber nach dem grandiosen Gipfelerlebnis bei Traumwetter können selbst solche Schneeverhältnisse unsere Stimmung nicht trüben.

Die Woche klingt aus mit zwei weiteren schönen Touren, bei denen am Donnerstag der Wintergipfel der ersten Veneziaspitze und am Freitag die östliche Veneziaspitze bestiegen wird. Beide Male lernten wir wieder neue Hänge kennen und konnten durch schönen und zum Teil unberührten Pulverschnee schwingen. Intensiv Kontakt mit dem Schnee suchten wir am Freitag, als wir unsere Raststelle vom Vortag mehrfach in der Hoffnung umschaufelten, unseren verlorenen Autoschlüssel wieder zu finden. Diese Suche blieb erfolglos, aber wunderbare Eindrücke, tolle Erlebnisse, eine prima Gastfreundschaft auf der Marteller Hütte und immer wieder faszinierende Aussichtsstellen haben wir in diesem sehr empfehlenswerten Tourengebiet zahlreich gefunden. Herzlichen Dank an Ronald für die Führung dieser Tourenwoche.

Hüttenanstieg
Aufstieg zur Madritschspitz
Rast muss sein
Am Vorgipfel der Köllgruppe
Auf dem Gipfelgrat des Cevedale
Geschafft! Gipfel erreicht!
Erste Veneziaspitze
Oberhalb der Marteller Hütte
Auf der östlichen Veneziaspitze
Viel Schnee