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Hochtour im Engadin - Piz Kesch

30.07.2014 - 03.08.2014
Autor: Dietrich Kriworotow
Tour-Nr.: 2014-02-33

Drei 3000er oder: wer ist eigentlich Kai Netz?

Angefangen hat alles sehr, sehr früh am Morgen. Um sportliche 04:00 Uhr brachen neun tapfere Bergsteiger auf in den Schweizer Kanton Graubünden, um ein paar 3000er zu erklimmen. Furchtlos und angeführt von den erfahrenen Conny und Peter ging es über drei Staatsgrenzen, einen Autozug, einer rätischen Bergbahn und einem dreistündigen Aufstieg zu Fuß, zur Chamanna d’Es-cha (Es-cha-Hütte) auf ca. 2500m Höhe.

Die ersten Ausblicke waren, trotz Regen, atemberaubend. Die Vegetation änderte sich gefühlt alle 200 Höhenmeter und wilde (Murmel-)Tiere kreuzten den Weg der Bergsteiger. An der Hütte angekommen ging es ans Aufwärmen mit ca. 30 Litern Tee und einigen Litern Bier. Es galt jedoch, sich nicht bereits am ersten Abend zu verausgaben. Denn gleich am zweiten Tag der Hochtour stand das Highlight auf dem Programm, der Piz Kesch (rätoromanisch: Piz d'Es-cha). Mit seinen 3418m ist er der höchste Berg der Albula-Alpen und gehört mit einer Schartenhöhe von mehr als 1500m zu den sogenannten ultra prominent peaks[1] der Alpen.

„Berg Heil“ am Piz Kesch für neun (oder doch zehn?) Teilnehmer

Für Spannung sorgte bereits der Aufstieg über den Gletscher, für einige der erste Gang mit Steigeisen und Pickel in einer Seilschaft. Es galt jeden Schritt kontrolliert zu setzen und stets bereit zu sein mit dem Pickel seinen eigenen, oder den Sturz eines Kameraden bremsen zu können. Dank der erfahrenen Führungsmannschaft verlief der Aufstieg ohne Zwischenfälle. Etwa 200 Höhenmeter unterhalb des Gipfels begann die Felskletterei im II. Schwierigkeitsgrad (UIAA) mit einigen III-er Stellen. Mit voller Montur und Rucksack ist das ein ganz anderes Vergnügen als an der Hallenkletterwand. Aber auch dieses Abenteuer haben die neun athletisch gemeistert und es hieß zum ersten Mal auf dieser Hochtour: „Berg Heil!“. Brav ins Gipfelbuch eingetragen ging es zum nicht minder anstrengenden Abstieg zur Kesch-Hütte, die nach einer Sanierung vor sechs Jahren im neuen Glanz erstrahlt und neben einer Dusche und geräumigen Lagern auch Panoramafenster mit Blick auf den Piz Kesch bietet.

Im Grunde waren die Bergsteiger stets zu zehnt unterwegs, denn ein gewisser Kai Netz war ein ständiger Begleiter für die meisten Teilnehmer. Ganz besonders wohl fühlte er sich in Tälern und wenn kein Mobilfunkmast in Sicht war. Auf Gipfeln und hohen Graten sowie in der Nähe von Empfangsverstärkern war Kai allerdings jedes Mal wie vom Erdboden verschluckt.

Schrecksekunden am Gletscher

Mit Kai Netz ging es am dritten Tag über den Scarletta Pass auf das Scarletta-Horn, mit 3068m der zweite 3000er auf dieser Tour. Deutlich spektakulärer fiel jedoch die anschließende Gletschertraverse aus. Denn nur Minuten zuvor konnten die neun beobachten wie auf einem benachbarten Gipfel ein Bergsteiger auf einem steilen Gletscher ausrutschte und erst gute 200 Meter tiefer in einem Schneefeld zum Halten kam. Aus der Ferne sahen die Teilnehmer, wie die Person sich wieder aufrichtete und ihren Weg fortsetzen konnte. Alle konnten aufatmen. Dennoch saß der Schock tief, denn das Gleiche konnte jedem von ihnen auf der folgenden Etappe widerfahren. Tatsächlich kam es zu einer Schrecksekunde, als Peter kurz vor Ende des Gletschers plötzlich hüfttief in einer Spalte versank. Er konnte sich jedoch schnell befreien und markierte die Spalte, so dass den anderen diese Erfahrung erspart blieb.

Nach der luxuriösen Kesch-Hütte war die Grialetsch-Hütte eher ernüchternd, aber auch urig und irgendwie gemütlich. Endlich gab es auch mehr Sonne - vor allem für das Gemüt der Bergsteiger förderlich. Nach einer erholsamen Nacht sollte der Piz Vadret bestiegen werden: mit 3229m und Gratkletterei (II-III ) eine große Herausforderung. Doch es kam alles anders. Am Samstagmorgen regenete es in Strömen. An eine Gratkletterei war nicht zu denken. Zudem deutete der Wetterbericht auf unbeständiges Wetter den ganzen Tag lang hin. Die Anführer steckten die Köpfe zusammen und es wurde gemeinsam entschieden, das Radüner Rothorn über den Rothorngrat zu besteigen.

Zerreißprobe im Regen: „nasser Vierer“

Zu bewältigen waren fünf Seillängen und ein Aufstieg auf 3022m - der dritte und letzte Dreitausender dieser Tour. Nachdem der Regen aufgehört hatte, brachen die Kletterfreunde auf und waren guter Dinge in den Fels gestartet. Auf der Hälfte des Aufstiegs dann die Ernüchterung: Regen. Felsklettern mit Wanderschuhen ist bereits eine Herausforderung für sich, bei nassem Fels wird es, insbesondere für den Vorsteiger, zu einer Zerreißprobe für die Nerven. An einer schlecht einsehbaren IVer-Stelle war es dann soweit: kein vor und kein zurück. Was tun? Da kam Peters Motivation und Bandschlinge von oben wie gerufen. Mit vereinten Kräften haben die Kletterer den Aufstieg schließlich bewältigt und zum letzten Mal auf der Tour hieß es: „Berg Heil!“ Der anschließende Abstieg verging wie im Nu. Der wolkenlose Himmel und die Abendsonne bis zum Untergang belohnte die Gruppe, die an diesem Tag noch ein wenig mehr zusammengewachsen war.

Mit Pfiffen auf den Heimweg geschickt

Nach einem feuchtfröhlichen Abend mit netten Einheimischen und einer für manchen unruhigen Nacht („Habt ihr auch die große Katze gesehen?“) ging es am Sonntag auf den Rückweg, der durch ein schönes Tal führte. Ständige Begleiter waren dabei, wie schon auf der gesamten Tour, die Murmeltiere, deren gellende Pfiffe die Wanderer so manches Mal aus Ihren Gedanken rissen. Die Landschaft veränderte sich beim Abstieg ins Tal langsam wieder zum Gewohnten und die Sonne bescherte uns zum Abschluss noch ein paar schöne Stunden.

Eins ist sicher: Diese Hochtour hat aus neun Bergsteigern ein Team geformt und durch die gelungene Organisation Appetit auf mehr gemacht.



[1] „Differenz aus der Höhe eines Gipfels und der der höchstgelegenen Einschartung (Bezugsscharte), bis zu der man mindestens absteigen muss, um einen höheren Gipfel zu erreichen“ (Quelle: Wikipedia)

 

Teilnehmer: Peter, Conny, Erika, Ilona, Dietrich, Günther, Johann, Hans, Klemens

Gipfelglück am Piz Kesch auch ohne Fernsicht
Unterwegs am Gletscher zur Keschhütte: die Steigeisen greifen bestens im Blankeis
Die zwei Seilschaften machen sich bereit für die Überquerung des Vadret-Gletschers
Stimmung bestens…
Planungspause am Grialetschgletscher
Die Schrecksekunde haben wir hier schon hinter uns… (doch einer testet lieber)
Der Grialetschgletscher wirkt mächtig – im Hintergrund unsere zweite Seilschaft