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Der selbstständige Bergsteiger

17.07.2015 - 19.07.2015
Autor: Dietrich Kriworotow
Tour-Nr.: 2015-01-35

Geschwindigkeit ist Sicherheit

Der zweite Teil von „Der selbstständige Bergsteiger“ stand ganz unter dem Motto „Geschwindigkeit ist Sicherheit“. Angefangen hat alles schon beim Hüttenzustieg, als uns ein Gewitter zehn Minuten nach dem Aufbruch zu einer verfrühten Einkehr zwang. Die Stimmung blieb jedoch auf einem guten Level und da wir sieben gestandene Kerle nicht aus Zucker sind, haben wir uns nach kurzer Überlegung trotz Regen auf den Weg begeben. Das Gewitter war mittlerweile vorbeigezogen, so dass die Gefahr des Blitzschlags sehr gering war. Trotzdem mussten wir uns beeilen, da es schönere Dinge gibt, als im Regen Höhenmeter zu machen. Zum Beispiel Bier und Spätzle auf der Hanauer Hütte. Dort sind wir am ersten Abend gerade noch rechtzeitig angekommen, um etwas zu essen zu ergattern. Den Abschluss des Abends bildete dann die Planung des nächsten Tages durch die Teilnehmer. Obwohl hier recht unterschiedliche Persönlichkeiten aufeinander trafen, herrschte schnell Einigkeit über das Tagesziel und so ging die Planung flott von der Hand und wurde von den erfahrenen Leitern fast anstandslos abgesegnet. An genügend Entscheidungspunkte hatten wir dann nämlich doch noch nicht gedacht.

Nach einer kuscheligen Nacht im Lager begaben wir uns zunächst an den Frühstückstisch, um für die kommenden Anstrengungen gestärkt zu sein. Doch was ist das? Da fehlt doch einer, hieß es nach der Zählung. Ein Kamerad hatte das morgendliche Durcheinander für eine Mütze Schlaf genutzt und musste erst noch geweckt werden. „Geschwindigkeit ist Sicherheit“ war ihm aber noch ein Begriff, so dass wir fast pünktlich in Richtung Parzinnspitze aufgebrochen sind. Nach einem flotten Aufstieg, der auf die Minute mit unserer Zeitplanung übereinstimmte (an dieser Stelle ein Lob an uns alle), kamen wir am Grat an. Nun ging es in den spannenden Teil des Aufstiegs. Unterwegs haben wir uns regelmäßig mit der Führung der Gruppe abgewechselt, um ein Gefühl für die Geschwindigkeit zu bekommen.

Am Grat hieß es, Kletterpassagen bis zum UIAA-Grad II zu überwinden und sich dabei im weglosen Gelände zurecht zu finden. Zugegebenermaßen haben hier die Steinmännchen Hilfestellung gegeben. Oben angekommen hieß es erst einmal Berg Heil und Mahlzeit, bevor wir wieder hinunter zur Parzinnscharte aufbrachen. Bereits am Gipfel ist uns aufgefallen, dass der vormittags noch starke Fön eingebrochen war und sich bereits erste Gewitterwolken breit machten. Am Entscheidungspunkt „Parzinnscharte“ mussten wir die Tour dann leider abbrechen. Wie sich herausstellte, keinen Augenblick zu früh, denn nach einer spannenden Abfahrt durch Geröll hat uns das Gewitter etwa 20 Minuten vor der Hütte voll erwischt. Da wir auch hier schon aus der ausgesetzten Gefahrenzone draußen waren, blieben wir aber dennoch entspannt und verbrachten den Rest des Tages mit Klettersteig und Orientierungsübungen.

Den Abend ließen wir mit Diskussionen zur Rechtssituation bei Touren ausklingen und hatten dabei Gesellschaft einer Gruppe niederländischer Pfadfinderinnen, die, wie es schien, jede Möglichkeit nutzten, uns in unserem improvisierten Seminarraum zu besuchen. Einen netten Austausch über vergangene Erlebnisse gab es zum Schluss des Abends noch mit dem einheimischen Tischler Emanuel, der bereitwillig über seine Abenteuer in den Ost- und Westalpen berichtete. Nach dem einen oder anderen Bier haben wir seinen Tiroler Dialekt zwar nur noch zur Hälfte verstanden, aber der Völkerverständigung hat das trotzdem nicht geschadet.

Am letzten Tag stand die Plattigspitze auf dem Programm, die über den Ostgrat mit mehreren Seillängen bestiegen werden wollte. Da die Wettersituation auch an diesem Tag unsicher war, sind wir nach Einbruch des Föns am Vormittag und nur einer geschafften Seillänge und einigen Abseilübungen wieder zur Hütte aufgebrochen. Trotz des nur kurzen Ausflugs haben unsere Leiter es wieder geschafft, jede Menge Wissenswertes in dem Tag unterzubringen, so dass trotzdem alle zufrieden waren. 

Nach einer schnellen Stärkung auf der Hütte ging es auch schon auf den Rückweg, auf dem sich die Teilnehmer rege über das Erlebte austauschten. Gegen 18:00 Uhr sind alle erschöpft und glücklich zu Hause angekommen. Wir sind nun auf jeden Fall bereit, eigene Touren zu planen. Ich für meinen Teil brenne jedenfalls schon, das Gelernte in die Tat umzusetzen.

Tourenplanung
Aufstieg zur Parzinnspitze
Sehnsuchtsvoller Blick zur Parzinnspitze
Am Gufelseejoch
Matthias und Dietrich wühlen sich durch den Schutt
Ein leicht schwitzender FÜL vor der Parzinnspitze
Luftige Stelle im Grat
FÜL auf Wegsuche
Auch Abklettern will gelernt sein
Abfahren im Schotter - der FÜL schaut von oben zu
Dietrich am Abseilstand