Schweizerischer Nationalpark im Engadin

14.08.2015 - 16.08.2015
Autor: Silvia Grabs
Tour-Nr.: 2015-02-68

Auf ins Reich der Steinböcke!

1. Tag, Anreise

Am frühen Freitagmorgen starten wir Richtung Schweiz. Wir, das sind Tourenleiter Roland, Gabi, Lisa, Gerhard, Manfred, Peter, Walter und ich.

In der Schweiz war ich noch nie beim Wandern und Graubünden kannte ich nur aus der Fernsehwerbung. Die Werbung mit den Steinböcken!

Wir wollen Steinböcke in freier Natur sehen! Und ein Nationalpark verspricht unberührte Natur mit Tieren, welche nicht sofort Hals über Kopf vor Menschen flüchten. So hatten wir uns das zumindest ausgemalt.

Wir fahren durch Liechtenstein, besser gesagt wir kriechen durch Liechtenstein. Nach ungefähr 5 Stunden erreichen wir unseren Zielparkplatz Prasüras im Ort S`chanf und machen uns gleich auf den Weg zur Parkhütte Varusch – ein Hexenhäuschen auf 1771 m. Kurz mal Rucksäcke abladen und weiter geht`s zur Alp Trupchun, zum Tierbeobachtungsposten, um Hirsche und Gemsen aus nächster Nähe anzuschauen. Wir sahen ganze Herden, aber leider nur auf den Wiesen 500 m über uns - aus der Nähe zeigten sich nur Murmeltiere.

Ganz so weit hat es nicht alle gezogen, vier Abtrünnige kehrten etwas früher um, die Lust auf ein isotonisches Getränk war zu übermächtig. Auf der Speisekarte gibt es „Mistkratzerle“ und andere Spezialitäten. Was das wohl ist?

2. Tag, Pass-Überschreitung

Heute haben wir 1100 Hm Aufstieg und 1000 Hm Abstieg vor uns. Alle freuen sich darauf, ins Innere des Nationalparks vorzudringen. Wir werden den Pass Fuorcla Val Sassa (2857 m) überschreiten und zur einzigen Hütte im Park, zur Chamanna Cluozza, wandern.

Die Wettervorhersagen sind nicht optimal, aber wir sind guter Dinge und machen uns auf den Weg. Erstmal an einem Bachlauf entlang, eigentlich ein breites Bachbett, in dem jetzt ein kleines Bächlein plätschert und eine schöne Geräuschkulisse zaubert. Weiter durch blaue Eisenhutwiesen und Latschenkiefer-Bewaldungen. Schnell sind wir im baumlosen Bereich, mächtige graue Felsmassive tauchen auf.

Die meiste Zeit sind wir alleine unterwegs, nur zweimal treffen wir andere Wanderer. Auf schmalen schotterigen Wegen geht`s bergauf.

Ein Fabeltier kauert in der Wiese nicht weit neben dem Weg. Wir können uns nicht einigen, ob es ein Murmeltier oder ein Hase ist. Oder doch ein Gemskitz?

Weiter, weiter, das Wetter wird nicht besser. Und dann sind sie plötzlich da:

Zwei Steinböcke! Unser Traum für diese Tour ist wahr geworden. Roland sieht sie als Erster, nur 15 m vor ihm tauchen sie auf. Hörner, Steine, da sind sie! Schauen uns kurz an und kreuzen unseren Weg. Gemächlich ziehen sie weiter. Wieder verschwunden hinterm Felsen , man sieht nur noch ihre Hörner, jetzt lassen sie sich nochmal sehen. Es ist ein tolles Erlebnis, diese majestätischen Tiere aus der Nähe zu beobachten!!!

Sie lenken mich ab von den Blumen, die in dieser Steinwüste überleben - Steinbrechgewächse und Glockenblumen.

Ein letzter steiler Anstieg, und wir haben den Pass erreicht. Mit uns leider auch die Regenwolken. Alle ziehen sich warm und regenfest an. Es ist windig und kalt und beginnt zu regnen. Brotzeit mit Handschuhen, im Windschatten der Felsen. Es graupelt, aber wir lassen uns die Laune nicht verderben.

Nach einer kurzen Pause steht der Abstieg an, ein schwarzes Tal mit ein paar Schneefeldern liegt vor uns. Es wirkt, als würde man in den Trichter eines Vulkans laufen. Nur dass die Steine anders aussehen, nicht so löchrig wie Lavasteine, sondern wie schwarzer Schotter. Also, auf geht`s!

Die ersten Knie-Probleme treten auf. Gut, dass wir Stöcke haben, wir suchen den Weg durch die Steinlandschaft. Schwarze Steine mit weißen Linien, mal in geometrischen Mustern, mal organische oder florale Linien ziehend.

Gefühlte 100 000 Steine, über die wir bergab laufen. Zur Abwechslung mal ein Schneefeld, die Vorfreude auf`s Skifahren blitzt kurz auf. Langsam ändert sich die Kulisse, es wird heller und die Regenwolken verziehen sich. Die Felsformationen sehen jetzt wie riesige Wurzelstöcke aus, braun und irgendwie verwunden, verdreht.

Nach zwei Stunden sind wir unten, die Kiefern kriechen wieder den Hang hoch und der Weg wird ebener und leichter zu laufen. Noch ein kleiner Anstieg, dann taucht auf einmal die Chamanna Cluozza auf, die einzige Hütte im Nationalpark.

Wir alle freuen uns auf`s Abendessen und (manche) hoffen, dass es nicht wieder Schweinshaxen gibt – doch beim Abendmenue ist für jeden etwas Leckeres dabei. Die Chamanna Cluozza ist eine gemütliche Hütte, die nur einmal im Monat zur Versorgung per Hubschrauber angeflogen wird. Frische Naturalien müssen mit dem Rucksack raufgetragen werden. Deshalb klärt uns der Hüttenwirt auf, dass Brot für`s Abendessen und Käse für`s Frühstück abgezählt sind. Das WC-Häuschen liegt ca. 50 m südlich der Hütte, ein paar Stufen den Hang hinunter. Gut, dass wir alle eine Taschenlampe dabei haben!

3. Tag, wir fahren zurück

Am Morgen regnet es wieder leicht, und so beschließen wir beim Frühstück, dass wir den direkten Abstieg über die Hütte „Bellavista“ nehmen. Es ist ein schöner Weg durch Lärchenwälder, weicher Boden, Preiselbeeren, Moose und Heidekraut begleiten uns. Mittags erreichen wir den Bahnhof in Zernez. Gerhard und Walter nehmen den Zug nach S-chanf und holen den Bus ab. Der Rest der Gruppe sieht sich den Ort an oder bleibt im Cafe.

Bei der Rückfahrt fahren wir durch's Inntal und über den Fernpass, zweigen in Dietmannsried von der Autobahn ab und stärken uns im Gasthaus „Zum Bären“. Reichlich gutes Essen zu – nach der Schweiz - erstaunlich niedrigen Preisen, eine nette Kellnerin – alle sind zufrieden.

Fazit: es war eine wunderschöne Tour durch unberührte vielfältige Natur, wir waren eine harmonische Gruppe und unser absolutes Highlight war das Steinbock-Paar.

Abmarschbereit
Parkhütte Varusch
Val Trupchun
Aufstieg zum Fuorcla Val Sassa
Unsere Steinböcke!
Fuorcla Val Sassa - 2857 Hm
Val Sassa - das Tal der Steine
Wohlverdiente Rast
Chamanna Cluozza
Blick auf Zernez