Hochtour in der Bernina - Schweizer Ostalpen

22.07.2015 - 25.07.2015
Autor: Günter Wolf
Tour-Nr.: 2015-02-31

Wenn das Seil nicht ausreicht.....

Recht früh, um 3.45 Uhr, trafen wir, die potentiellen Berninabesteiger, uns am alten Messeplatz, um in die Schweiz zu starten. Mit dabei waren unsere Tourenleiter Conny und Peter, sowie Erika, Elke, Bianca, Frank, Clemens, Hans, Matthias und meine Wenigkeit. Ein recht eingespieltes Team, denn wir waren alle in unterschiedlichsten Konstellationen schon miteinander unterwegs.

Die Anfahrt erfolgte problemlos mit dem für Peter üblichen Kaffee- und Kuchenstopp (wie immer von den Teilnehmern selbstgemacht), so dass wir wie geplant gegen Mittag am Ausgangspunkt der Bernina-Diavolezza-Seilbahn (2093 m) ankamen.

Die Kontrolle der Ausrüstung mit gleichzeitigem Verteilen der Eisschrauben, Biwaksäcken usw. ist ja inzwischen schon Routine, so dass wir recht bald den Aufstieg zur Diavolezzahütte auf 2978 m angehen konnten. Schon aus Akklimatisierungsgründen haben alle die Seilbahn verweigert.

Mehr oder weniger frisch oben angekommen, konnten wir die Hubschrauberrettung eines Klettersteiggehers beobachten, der anscheinend weder vor noch zurück konnte. Nach dem Lagerbezug zerstreuten wir uns. Peter und Conny erkundeten den Einstieg zur Tour, Frank machte noch schnell oben erwähnten Klettersteig, einige von uns wanderten zu dem kleinen Nebengipfel Munt Pers (3207 m) und der Rest genoss das schöne Wetter. Obwohl die Diavolezzahütte mehr Berghotel als Hütte ist, verbrachten wir einen ganz angenehmen Abend dort.

Am nächsten Morgen Frühstück um 4 Uhr. Wir starteten um 5.15 Uhr bei sternklarem Himmel, um die drei Gipfel des Piz Palü (3900 m) von Ost nach West zu überschreiten und auf dem Rifugio Marco e Rosa (3600 m) zu übernachten. Der Eindruck vom Vortag bestätigte sich. Ein teilweise recht steiler Anstieg und einige wilde Gletscherverwerfungen, durch die wir mussten. Dank dem Können und der Umsicht unserer Führung war das technisch kein Problem und wir gelangten sicher auf dem teilweise recht schmalen und steilen Grat zum ersten Gipfel.

Jedoch hatten etliche von uns ungewohnte und große Konditionsprobleme, so dass die restliche Etappe alles andere als einfach war. Peter und Conny wurden dadurch zusätzlich ganz schön gefordert. Lag es an der Vorbereitung, an der großen Höhe oder anderen Ursachen? Wahrscheinlich bei jedem anders und zum Teil ein Mix aus allem. So in dieser Masse habe ich es bei meinen bisherigen Touren jedenfalls noch nicht erlebt.

Nichts desto trotz ging es über den besagten wunderschönen Grat nach oben und an der weiterhin schmalen und nach beiden Seiten ausgesetzten Schneide zum Mittelgipfel auf 3900 m. Hier war höchste Konzentration angesagt, aber alle hatten das gut im Griff. Am Sattel zum Westgipfel waren wir schnell.

Auf Grund des Zustands der Gruppe entschied sich Peter, nicht über den verblockten Westgipfel zu gehen, sondern nach Süden auf den Gletscher abzusteigen um von da zum Übergang „Fuorcola Bellavista“ zu gelangen. Dies gestaltete sich jedoch sehr spannend. Abklettern war im losen Gestein nicht das Wahre und die erste gefundene Abseilstelle (provisorisch per Reepschnüren gebaut) führte ins Nichts. Der Versuch mittels einer Schneefeldquerung in besseres Gelände zu kommen scheiterte am sehr tiefen Schnee und der großen Steilheit.

Nach längerem Suchen entdeckte Peter einen Abseilhaken. Jetzt mussten wir nur noch über die Randspalte kommen, die von oben zwar geschlossen, aber breit und von unserer Seite überhängend aussah. Würde das Seil reichen? Frank spielte beim Ablassen das Versuchskaninchen. Am Rand des Überhangs angekommen, signalisierte er: Noch 10 Meter Seil notwendig. Peter hatte noch 5m zur Verfügung. Also Seilverlängerung bauen und weiter ablassen. Bis der Knoten der Verlängerung durch den Karabiner war, hing Frank für uns unsichtbar frei im Überhang, wie es bei ihm aussah wussten wir nicht. Letztendlich ging alles gut und wir anderen folgten ihm. Nicht mal ein vergessener Knoten im Seil konnte uns langfristig stoppen. Als sich Peter zum Schluss mit 2 x 50 m Seil abließ, wo er doch je 55 m gebraucht hätte, wurde es noch mal richtig spannend.

Aber mittels Prusik- und Bandschlingenverlängerungen bekamen wir auch das in den Griff, ohne ein Seil zurück lassen zu müssen. Das wäre auf dem sehr spaltenreichen Gletscher fatal gewesen!

Die Fuorcola Bellavista war schnell erreicht und und weiter ging es den steilen und mit riesigen Spalten versehenen Gletscher querend in Richtung Rif. Marco e Rosa. Müde und kaputt (zumindest ein Großteil von uns, andere waren noch recht fit) kamen wir nach über dreizehn Stunden auf der kleinen aber schönen Hütte an.

Eigentlich war für den nächsten Tag die Besteigung der Piz Bernina mit darauffolgender Rückkehr zur Diavolezzahütte geplant. Wahrscheinlich hätten selbst dreizehn Stunden nicht gereicht, das hätten wir als Gruppe diesmal nicht geschafft. Es wurde beschlossen, über das „Vadret Da Morteratsch“  direkt zur Hütte zurückzukehren.

So starteten wir am nächsten Morgen, zunächst auf dem gleichen Weg, zurück. Nach kurzer Zeit wurde uns von der zweiten Seilschaft ein Spaltensturz signalisiert. Conny war ein Tritt weggebrochen und sie hing frei in 7 – 8 m Tiefe. Sie hatte zwar schon mit dem Prusiken begonnen, aber mit zwei Seilschaften konnten wir sie recht schnell hochziehen. Trotz der kurzen Zeit war sie jedoch ziemlich durchnässt, hatte einige Schrammen am Kopf, blieb ansonsten aber zum Glück unverletzt. Als wäre nichts gewesen setzte sie die Tour fort.

Den restlichen Gletscher überquerten wir problemlos und nach einigen leichteren, schönen Kletterpassagen und Abseilstellen sahen wir unsere Hütte, die wir gegen fünf erreichten.

Da für den nächsten Tag schlechtes Wetter prophezeit war, sagten wir auch den geplanten Piz Morteratsch ab und beschlossen die Tour mit einem recht gemütlichen Abend. Der Abstieg und die Heimfahrt am nächsten Tag waren problemlos, so dass wir einen Tag früher zurückkamen.

Auf dem Piz Bernina waren wir nicht, trotzdem hatten wir eine schöne, aber auch sehr anspruchsvolle Hochtour, die den meisten von uns alles abverlangt hat.

Was bleibt, ist die Erinnerung an eine schöne Tour mit der herrlichen Überschreitung des Piz Palü. Das Wissen um den Zusammenhalt und die gegenseitige Hilfe in dieser Gruppe (vielen Dank Frank!) und der herzliche Dank an Peter und Conny, die eine anspruchsvolle Tour unter schwierigen Umständen ruhig und sehr sicher, aber trotzdem mit guter Stimmung für alle durchgeführt haben.

Die Spitzen des Piz Palü
Aufstieg zum Ostgipfel
Im Gletscherbruch
Anspruchsvoll
Nach oben
Zur Mittelspitze...
Die erste Gruppe
Frank - an der langen Leine