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Eiskletterkurs im Pitztal

29.01.2016 - 31.01.2016
Autor: Sylvia Pludra
Tour-Nr.: 2016-01-21

Klettern on the rocks

Es ist dunkel. Der Mond ruht sich auf dem Bergkamm des Roßkopf aus, die Sterne funkeln den neuen Tag herbei und der Schnee glitzert wie im Wintermärchenland. Früh um 6.50 Uhr machen wir, Tourenleiter Peter, der alte Eiskletterhase Bernd und die zwei Frischlinge Julian und Sylvia, uns auf den Weg zum Eisfall, um das Eisklettern zu erlernen bzw. zu vertiefen. Unsere Stirnlampen leuchten uns den Weg und nach einem kurzen aber aufwärmenden Anstieg stehen wir am Fuße des Eisfalls im Pitztal. Als erstes ziehen wir uns die Helme auf den Kopf, was sich im Laufe der kommenden Stunden als richtig gute Idee herausstellen wird. Danach schnallen wir uns die Steigeisen an, die wir noch am Vorabend an unsere Stiefel angepasst haben. Es knirscht unter den Sohlen und die umherliegenden Eiswürfel erinnern an Crusheis für Caipirinha. Wir stehen in der Eiswürfelwüste. Es gilt noch Gurte anzuziehen, Bandschlingen und Prusiken umzulegen, Eisschrauben werden verteilt und zum ersten Mal halte ich zwei Eisgeräte in der Hand. Peter zeigt Julian und mir zunächst die richtige Technik, die Geräte im Eis zu versenken und schon üben wir zwei in der blauen Stunde munter das richtige Eisklopfen. Quer zum Hang hangeln wir uns am gefrorenen Wasserfall entlang und bekommen nach und nach ein Gespür für die Fortbewegung im Eis und den richtigen Einsatz der Eisgeräte.

Nebenan richten Peter und Bernd derweil eine Kletterroute ein und es beginnt Eis zu regnen. Nicht etwa kleine Tropfen. Nein, es kommt schon das ein oder andere größere Kaliber herab und trifft mich voll auf die Zwölf. Helmtest 1, 2, 3, sitzt, wackelt, hat Luft und hält mich trotz fliegender Eiskometen gesund und munter. Gut gelaunt testen Julian und ich weiter das Zusammenspiel, Steigeisen und Eisgeräte. Langsam dämmert der Tag heran und sobald die Route eingerichtet ist, darf ich meine ersten Klettererfahrungen im Eis machen. Schlag für Schlag lasse ich die Eisgeräte in das gefrorene Wasser beißen und steige auf dem glatten Weiß aufwärts. Ein paar Meter neben mir gluckst schon das Wasser hinter dem Eisvorhang. Obwohl es eine Woche zuvor endlich für einige Zeit knackekalt war, haben die milden Temperaturen der letzten Tage das Eis doch schon wieder angeknabbert und an einigen Stellen hat der Eisverfall bereits begonnen.

Auf meinem Weg nach oben hat es aber noch genug kalten Untergrund und ich komme gut voran. Kurz vor dem Ausstieg steht mir noch so etwas wie eine Eisorgel mit ihren löchrigen Pfeifen im Weg. Hier „hooke“ ich die Zacken in die vorhandenen Eislöcher und ziehe mich an den Eiszapfen senkrecht empor. Erste Route im Eis, geschafft!

Wieder unten angekommen, zeigt mir Bernd nun wie ich die Eisschrauben richtig im Eis versenke. Das ist gar nicht so einfach, wenn man dick wie eine Mumie eingepackt ist und sich die Handschuhe in allen möglichen Klemmen und Ösen verfangen. Verfl... und zugen...! Ich komme mir vor wie bei diesem Kindergeburtstagsspiel, bei dem man dick eingepackt mit Fäustlingen an den Händen und mit Messer und Gabel versuchen muss eine Tafel Schokolade zu essen. Nach einigen Versuchen greift das Material endlich und ich schraube die Schraube in das gefrorene Weiß. Zunächst allerdings mit beiden Händen und mit vollem Körpereinsatz. Das soll später aber mal einhändig und in der Eiswand hängend funktionieren. So in der Art versuche ich es auch wenige Minuten später und bin zunächst mäßig erfolgreich. Etwas klamme Finger in dicken Handschuhen, eine widerspenstige Eiswand und ein Ein-/Ausklappmechanismus an der Eisschraube machen das Unterfangen zum Eiertanz. Irgendwie winde ich das gute Stück schlussendlich bis zum Anschlag und kann meine Exe einhängen. Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt zugleich. Eisuhr bauen, auch Abalakov-Eisuhr genannt.

Mit Hilfe von Eisschrauben bohrt Bernd einen Tunnel ins Eis, durch den man - wie bei einer Sanduhr im Fels - eine Schlinge fädeln kann. Um die Schlinge durchzufädeln, nimmt sich Bernd nun eine zurechtgebogene Fahrradspeiche zur Hand und angelt sich damit die zuvor in das eine Ende des Eistunnels eingeführte Prusik. Mit einem Sackstich wird somit eine Sicherung für Exen ins Eis gelegt und wir können uns daran abseilen. Pfiffigst!

Mein erster Versuch ist fast erfolgreich, lediglich des Lehrmeisters Hinweis, keine zu kurze Prusik zu verwenden, wird nicht ad hoc umgesetzt. Okay, Wiederholung mit einer längeren Prusik. Dann ist auch das vollbracht. Derweil probiert sich Julian an der Eiswand und klopft und hämmert sich tapfer nach oben. Große und kleine Splitter regnen unaufhörlich herab. Waren wir die ersten 1 ½ Stunden noch allein am Eisfall, so kommen nach und nach immer mehr Eiskletterer hinzu und wollen sich an diesem schönen sonnigen Wintertag am gefrorenen Wasserfall austoben. Das heißt: nun prasselt und knirscht es an allen Ecken und Enden, wir vertragen uns aber alle und so kommt jeder auf seine Kosten. Peter lässt uns noch etliche Male hinaufklettern und zu guter Letzt seilen wir uns noch ab. Hierbei ist darauf zu achten, dass die Geräte gut am Gurt gesichert sind und ich passe auf, dass ich mit den Steigeisen nicht in das Seil komme.

Mittlerweile strahlt der Himmel stahlblau und die Sonne leckt sich langsam um´s Eck und an das Eis heran. Um 2 Uhr ist dann endgültig Schluss. Wasser rinnt am Eis herab und plätschert hier und da hinter dem weißen Vorhang hervor. Nach gut sechs Stunden Eisklopfen ist es denn auch für uns Anfänger genug und so packen wir unsere sieben Sachen, auch wenn die herrliche Winterlandschaft und der Sonnenschein zu mehr Taten gerufen hätte. Aber es soll halt nicht sein.

Wieder am Auto angekommen, machen wir uns auf zu einem Platz an der Sonne mit kühlem Getränk. Jetzt wäre ein Eiskaffee oder auch Eistee (wer so etwas mag) gerade recht. In einem Aprés-Ski-Zeltgarten werden wir fündig und löschen unseren ersten Durst mit einem Radler. Passend zu unseren strahlenden Gesichtern lassen wir uns die Sonne in die Augen scheinen.

Als sich der wärmende Feuerball hinter den nächstbesten Berg verkrochen hat, kehren wir in unsere Ferienwohnung zurück, wo es noch ein Kaffeekränzchen mit Kuchen gibt. Danke an Bernd bzw. an Bernds Frau für diese leckere Spende! So klingt der Tag gemütlich mit Essen und Trinken aus.

Am nächsten Morgen werden all meine vorhandenen Muskeln vom Kater geweckt. Ich schaffe es gerade noch mit Ach und Krach an den Frühstückstisch, wo Peter schon mit frischen Kaffee wartet. Beim gemeinsamen Frühstück beschließen wir aufgrund der vorherrschenden Eisbeschaffenheit und des andauernden starken Schneegestöbers den Heimweg anzutreten und unterwegs noch eine Kletterhalle zu besuchen. Mit dieser Idee können wir uns alle vier anfreunden und so machen wir uns wieder auf in Richtung Ansbach. 

Erste Kratzversuche
Fertig machen zum Entern
Eisgeräte
Eisfall
Wohin als nächstes?
Geschafft und glücklich!
Eis - wohin das Auge reicht!
Pausenfleck
Julian on ice
Sicher wieder runter