Leichte Hochtour im Gebiet der Franz-Senn-Hütte

05.08.2016 - 08.08.2016
Autor: Silvia Grabs
Tour-Nr.: 2016-02-34

Mein erstes Mal (auf einem Gletscher)

Mei, war ich aufgeregt!

Freitag mittags ging`s los. Ich musste vormittags noch arbeiten. Im Büro beschlichen mich leise Zweifel, ob ich mir nicht zu viel zutraue, dazwischen kleine Panikattacken → Gletscherspalten, in welche man stürzen könnte!

Beim Einsteigen in unseren Bus legt sich meine Nervosität etwas: ich bin Gott sei Dank nicht die einzige Frau, Bianca ist dabei, gut so. Gerhard und Thomas kenne ich von anderen Touren, Matthias ist Arzt (wie beruhigend, gleichzeitig überlege ich, ob bei Hochtouren immer ein Doktor mitgenommen wird?). Armin und Claus scheinen auch sehr nett zu sein.

 Wir fahren ins Stubaital, da war ich noch nie. Ich bin überwältigt von diesem herrlichen Tal! Die Franz-Senn-Hütte liegt mitten im Ruhegebiet Stubaier Alpen. Ruhegebiete gibt es nur in Tirol, es dürfen dort keine Seilbahnen für die Personenbeförderung oder öffentliche Straßen gebaut werden.

 Die Hütte haben wir schnell erreicht, und abends werden nach dem köstlichen Essen Geschichten erzählt. Natürlich über Leute, welche schon mal in Gletscherspalten gefallen sind ….

 Das Wetter ist am Samstag nicht so toll, leichter Regen, aber das macht nichts, wir haben eine Aufwärmtour zur Rinnenspitze (3003 m) vor uns. Eine kurze Tour, aber sie hat es trotzdem in sich. Je höher wir kommen, umso mehr Schnee gibt es natürlich. Die letzten 100 Höhenmeter sind seilgesichert, wir machen also einen Klettersteig in 20 cm Neuschnee. Auch schön, obwohl die Sicht am Gipfel gleich null ist. Mein erster 3000er ist geschafft, juchee!

 Sonntags gibt es strahlenden Sonnenschein, kein Wölkchen ist am Himmel. Lichtschutzfaktor 30 darf es schon sein! Unser heutiges Ziel ist das Wilde Hinterbergl (3288 m), wir wollen über den Turmferner aufsteigen, zum Höhepunkt des Wochenendes. 10 Stunden sind für die Tour geplant.

Gemächlich geht es los, eine gemütliche Wanderung durch`s Alpeiner Tal, vorbei an faszinierenden Gesteinsformationen und einem Wasserfall, immer höher rauf. Ein gelbes Schild weist unterwegs auf „erhebliche Spaltengefahr“ hin. Aha! Armin wird schon wissen, wo er uns hinführt.

Der Rucksack ist sooo schwer. Mittags erreichen wir den Gletscher, wie geplant.

Jetzt heißt es Ausrüstung anziehen: zum 1. Mal Gamaschen anlegen, Steigeisen anziehen, Pickel richtig in die Hand nehmen, anseilen. Mein Puls steigt.

Und dann geht es auch schon los. Ich bin so beschäftigt mit Gehen, auf das Seil aufpassen, Schnaufen und Schauen, dass ich die möglichen Gletscherspalten komplett vergesse. Vom Gletscher sieht man eh nicht viel, alles liegt unter einer 30 cm dicken, weichen Schneedecke. Armin geht als Erster, er macht für uns die Spuren; wir versuchen, in seine Tritte zu steigen. Manchmal brechen wir knietief ein. Aus den Einstichlöchern der Pickelstiele kommt ein geheimnisvolles türkisfarbenes Leuchten. Gletscherblau.

Wir steigen immer höher – wo ist denn nun eigentlich der Gipfel? Gibt es da ein Kreuz?

Die Aussicht ist grandios! Immer noch wolkenlos und warm. Unsere Gruppe ist hier oben ganz allein, wir und die Natur. Mein Magen knurrt, aber es sind ja nur noch „15 Minuten“ zum Gipfel, das ist zum Aushalten. Auf einmal geht es doch nicht mehr, ich habe plötzlich das Gefühl, als wäre die Luft zu dünn und ich kann nicht richtig atmen. Gut, dass Gerhard und Armin gleich bei mir sind und mir gut zureden. Inzwischen ist es auch recht windig geworden, wir ziehen alles an, was wir dabei haben. Machen eine Pause, essen etwas, es geht mir nach der Brotzeit wieder gut. Zwei Datteln reichen eben doch nicht als Wegzehrung. Weiter geht`s den Gletscher hoch und wir finden tatsächlich noch den Gipfel, obwohl er kein Gipfel-Kreuz hat. Es ist ein tolles Gefühl, wir haben es geschafft!

Alle bewundern die Aussicht, hören dumpfes Grollen und rätseln, ob es sich bei dem Geräusch um Wind oder einen Zug aus dem Tal handeln könnte. Nach dem Gipfelfoto mit Selbstauslöser und einer Runde Prinzenrolle, die Claus zur Stärkung noch herumreicht, steigen wir wieder hinunter. Als wir auf der Moräne Richtung Tal unterwegs sind, löst sich das Rätsel des Grollens: es gibt heftige Steinstürze, Staubwolken steigen auf, alle sind heilfroh, nicht in der Nähe der Absturzstellen zu sein.

Der Rückweg zieht sich etwas, aber das schaffen wir auch noch; die Aussicht auf ein Bierchen auf der Terrasse setzt nochmal ungeahnte Energien frei. Armin schlägt nach dem Abendessen für den nächsten Tag zum Auslaufen eine kleine, gemütliche Tour zur vorderen Sommerwand vor.

Montags nach dem Packen und Frühstück machen wir uns also auf den Weg zur vorderen Sommerwand, aber von gemütlich kann keine Rede sein. Es ist ziemlich heiß, ziemlich steil und die fünf Männer legen ein Tempo vor, als wenn sie neue Rekorde aufstellen möchten. Bianca und ich beschließen, dass wir umkehren und stattdessen die südliche Sonnenterrasse unserer Hütte ansteuern. Dort warten wir, lassen es uns gutgehen, geben dem Muskelkater nochmal eine Verschnaufpause. Und dann ist das schöne lange Wochenende leider auch schon wieder vorbei.

Viele Dinge waren bei dieser Tour für mich neu:

Ich war zum ersten Mal auf einem Gletscher, zum ersten Mal über 3000 m, mit Armin als Tourenleiter unterwegs, mit Steigeisen und Pickel ausgerüstet, habe zum ersten Mal eine fleischfressende Pflanze in den Alpen entdeckt….

Fazit für mich: Die Hochtour war schön, anstrengend, die Gruppe war super und Armin ist ein souveräner, aufmerksamer Tourenleiter, bei dem ich mich jederzeit sicher und gut aufgehoben gefühlt habe.

Ich mag Schnee auch im August.

Nächstes Jahr möchte ich wieder mitgehen!

Vorbesprechung am Abend
Armin sucht den Weg zur Rinnenspitze
Pause
Eine wunderschöne Türkenbund-Lilie
Das Alpeiner Tal
Mein erster 3000er!
Ohne Worte
Armin passt auf, dass ich die Steigeisen richtig befestige, Bianca schaut sich schon mal die Route an
Rauf auf den Berg!
Jetzt wird`s kalt – Matthias führt seine Ausrüstung vor
Das wilde Hinterbergl ohne Gipfelkreuz. Wir haben es geschafft!