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Klettersteigtour Hochkönig

25.08.2016 - 27.08.2016
Autor: und Fotos: Elke Bürkel und Sylvia Pludra
Tour-Nr.: 2016-02-36

Der Kaiserwetter Hochkönigsjodler – die Steigerung von imposant!

Wir sitzen in Decken gekuschelt auf knapp 3000m vor dem Matrashaus und sehen gebannt zu, wie die heißblütige Spätsommersonne ins Gipfelmeer tropft. Bei dem einen oder anderen der vielen Zuschauer und Hüttenbesucher tropft auch ein wenig Wasser aus den Augen angesichts dieser Schönheit. Es ist hinreißend, begeisternd, beeindruckend, grandios, imposant!

„Apropos“, sage ich, „wisst ihr, wie die Steigerung von imposant heißt?“ Und Ronny so: „Hmm...vielleicht Königsjodlerklettersteig?“

Das ist zwar nicht die Antwort, die ich erwartet habe, doch es ist definitiv die richtige Antwort.

Eigentlich ist die Lösung auf die Scherzfrage jedoch eine andere:

1. Im-Po-Sand:

Unser Kleingrüppchen ( Franz-Xaver, Ronny, Sylvia, Elke und Peter) traf sich am Donnerstagmorgen um 6:00 Uhr am Herrieder Tor, den blauen Tourbus bepackt mit unseren Rucksäcken für zwei Hüttenübernachtungen, Klettersteigausrüstung und einem saftigen Gugelhupf für unterwegs. Die vorhergesagten Wetterverhältnisse: besser geht nicht!

...ca. 4,5 Stunden später am Parkplatz zur Erichhütte oberhalb von Dienten: das Wetter ist immer noch perfekt. Die 200 Höhenmeter zur Erichhütte steigen wir in gut 30 Minuten hinauf. Schnell eine Schorle kippen und ein Wörschdla essen – Peter will ja gleich noch weiter!

Also, das nicht benötigte Gepäck in der Hütte abwerfen und nur mit Klettersteigausrüstung hinauf, Richtung Taghaube und Grandlspitz.

Der Weg wird bald ganz schön anspruchsvoll und steil aber nach etwa zwei Stunden stehen wir zusammen mit einer kleinen Gruppe Luis-Trenker-Steilwandschafe auf dem Gipfel der Taghaube.

Wir sehen uns um und sind beeindruckt: vor uns die schroffen Felswände des Hochkönigmassives, der abweisende Klotz der Grandlspitz und die scharfen Zacken der Teufelshörner. Auf letzteren wollen wir morgen hinauf zum Hockkönig klettern.

Aber erst einmal müssen wir die steile Wand auf der Nordseite der Taghaube hinunter zur Scharte kommen. Wir zwängen uns durch einen engen Kamin und haben ein paar seilversicherte Abwärtspassagen zu meistern. Gemessen an dem, was morgen auf uns zukommt, ist das aber für keinen von uns ein Problem.

Von der Taghaubenscharte müssen wir wieder aufwärts über steile Schrofen zum Einstieg des Klettersteiges. Der Weg durch die Wand ist nicht lang, nur ca. eine halbe Stunde ist zu klettern, aber es geht gleich richtig zur Sache. Über C und D Stellen, die ordentlich unsere Armkraft fordern, hangeln wir uns nach oben. Die Grandlspitz mit ihren 2310m ist heute schon unser zweiter Gipfel. Und zum zweiten Mal haben wir beeindruckende Ausblicke.

Nach dem Gipfelfoto zieht es uns dann aber schnell hinunter zurück zur Erichhütte, da sich langsam der Magen mit einem lauten Seufzer zu Wort meldet.

Das Abendessen auf der Hütte hat mich zwar nicht sonderlich beeindruckt aber es hat schön satt gemacht. Umso mehr imponiert der samtweich glühende Sonnenuntergang auf der Terrasse, den wir bei ein paar wohltuenden Seidla und Viertelchen genießen und so den wunderschönen Tag beschließen.

2. Im-Hintern-Stein

Um acht Uhr am nächsten Morgen brechen wir auf, wohl wissend, dass wir einen langen anstrengenden Tag vor uns und viiieel Fels unter unserem Hintern haben werden.
Aber halt, davor steht ein knackiger, gut eineinhalbstündiger Anstieg von 700 Höhenmetern. Bis wir am Einstieg des Klettersteiges sind, haben wir bei strahlendem Sonnenschein schon Bäche an Schweiß vergossen.

Dort gibt es dann aber erst Mal eine ausführliche Pause, denn am Einstieg auf der Hochscharte stehen schon einige an. Also Vesper auspacken, Fotosession machen und schließlich Gurtzeugs anlegen. Der Helm sitzt natürlich schon lange auf dem Kopf, denn die vor uns Kletternden haben schon mehrere Steine losgetreten, die nicht weit von unserem Platz vorbeipfeifen und die gerade Einsteigenden zum Fluchen bringen.

Nun kann's endlich losgehen – die ersten Meter sind doch gar nicht so schwer – und das soll ein D-Klettersteig sein? Der erste, der sieben Teufelstürme ist so schnell bezwungen. Oben orientieren wir uns am Drahtseil am Grat entlang. Der Steig ist zum Glück komplett versichert, sonst hätte ich nun erste Bedenken, frei über den ausgesetzten Grat zu wandern.
Nach einer kurzen Abkletterstelle geht es wieder hinauf auf den zweiten Turm. Puh, das ging schon mehr zur Sache! Der Bizeps wird ganz ordentlich beansprucht. Aber schön, dass sich überall gute Felstritte für die Füße finden.

Nach dem zweiten kurzen Abstieg stehen wir plötzlich vor einer 1,5 Meter breiten Spalte mit nichts als einem einzigen Drahtseil darüber, darunter der Abgrund – der legendäre Jungfernsprung!

Die mutigste Jungfrau von uns, Sylvia, ist schon ohne Zögern rüber gesprungen. Peter, die zweite Jungfer, hat mit seinen langen Haxen auch kein Problem.
Ronny wendet, obwohl Ossi, nicht die sächsische Spaltensprungtechnik an, sondert hangelt, eingehängt mit seiner Bandschlinge, am Drahtseil hinüber. Oh weh, denke ich, wenn der das schon nicht schafft, obwohl er so groß ist! Aber Franz-Xaver springt, so schnell schau ich nicht, hinüber auf die andere Seite – das macht Mut.

Also, an Yoga- und Spagattechniken erinnert, Mut zusammengenommen und einen langen Spreizschritt hinüber auf die andere Seite gemacht. Es reicht gerade so! Aber in dieser unbequemen Position will man nicht lange ausharren, also einmal kräftig am Seil ziehen und das zweite Bein ist auch drüben. Na, geht doch!

Danach wieder das gleiche Spiel: anhaltend fordernde Kletterei auf den nächsten Turm, ausgesetzte Gratkletterei, kurz hinunter bis zum nächsten Spalt im Fels – die sogenannte Teufelsschlucht. Diesmal sind aber ca. vier Meter zu überwinden. Dafür sind drei Seile über den Abgrund gespannt: eines zum darauf Laufen, zwei zum Festhalten und Sichern. Nach dem Todessprung vorher sind dies Kinkerlitzchen. Franz-Xaver vollführt ein kurzes Tänzchen auf der Seilbrücke.

Nun rechts haltend am Fels entlang und eher abwärts kletternd bis zur nächsten Scharte, dann den fünften Turm hinauf. Wieder anstrengende, schöne aber nicht überfordernde Kletterei.
Auf dem Hinunterweg kommen wir am Seil der Flying Fox vorbei. Wir benutzen sie aber nicht - ist auch keine Seilrolle mehr montiert und zum Rüberhangeln haben wir keine Lust.

Unten auf dem kleinen Sattel sind wir alle mal für eine Pause. Es ist schon ein Uhr, der Magen knurrt und wir müssen etwas Kraft tanken für den anstrengenden zweiten Teil.

Das sechste und siebte Teufelshorn bezwingen wir auf gleiche Weise wie die vorherigen, wobei der Aufstieg auf die markante Gratschneide des letzten Hornes schon noch einen Tick spektakulärer aussieht. Es scheint, als kletterten wir an einem dünnen Felsblatt entlang.

Endlich erreichen wir den breiten Sattel vor dem Kummetstein. Irrtümlicherweise ging ich davon aus, dass wir jetzt das Gröbste schon hinter uns hätten aber ein freundliches Schild weist uns darauf hin, dass wir gerade mal die Hälfte des Steiges bezwungen haben und nun die Möglichkeit des Notausstieges bestünde.

Sylvia fällt kurzzeitig die Kinnlade herunter und auch wir übrigen kämpfen mit unsrem inneren Schweinehund. Aber die Aussicht, steil ins bröselige Birgkar abzusteigen ist definitiv keine Alternative. Also gehen wir ein paar unmotivierte Schritte übers steile Geröll hinauf zur schwersten Stelle des Klettersteiges. Der Ehrgeiz kehrte zurück!

Leicht überhängend geht's hinauf zum Kummetstein. Es ist nochmals richtig Armkraft gefordert.

Puh, lange darf das nicht mehr so weiter gehen!

Aber Sylvia hat anscheinend auch ihre Motivation wieder gefunden und legt ein straffes Tempo vor.

Oben halten wir uns nicht lange auf, obwohl der Grat spektakuläre Ausblicke auf die bereits bekletterten Teufelstürme freigibt. Auf der Nordseite geht es steil abwärts – höchste Konzentration ist beim Abklettern gefragt. Aber auch diese Stelle meistern alle.

Bei mir steigt die Stimmung langsam an, jetzt ist das Ende wirklich absehbar. Der letzte lange Anstieg liegt vor uns. Auch hier erwarten uns noch einige C und D Stellen bis hinauf auf den Hohen Kopf, dem Ausstieg des Klettersteiges.

Die letzten Meter kraxeln wir noch locker hinauf, um uns auf 2875 m zu umarmen und zu beglückwünschen: 1700 Klettermeter in 7 Stunden mit viel, viel Fels unterm Hintern – und einem Geburtstagskind, wie erst beim Eintrag des Datums ins Gipfelbuch auffällt. Alles Gute, Franz! Das ist dein Geburtstagsgeschenk!

Weitere 40 Minuten, 70 Höhenmeter, einem gefundenen Geocache und einem unfreiwilligen Fußbad im Gletschersee später erreichen wir das Matrashaus auf 2941 Metern.

Der Rest des Abends ist nur noch Plaisir, glücklich sein und mit Franz feiern bei einem Schnapserl und einem atemberaubendem Sonnenuntergang über dem 360 Grad Gipfelpanorama.

3. Im-Arsch-Geröll

Am nächsten Tag erwarten uns 1700 Höhenmeter Abstieg durch das ekelhaft geröllige, steile Birgkar. Das hatte Peter uns schon angekündigt und alle Versuche ihm den langen, einfachen Weg übers Arthurhaus schmackhaft zu machen, scheitern kläglich.
Immerhin haben wir aber weiterhin feinstes Wetter, keine Schneefelder und keine glitschige Nässe.

Peter drängt vor der Hütte schon zum Aufbruch, damit das südseitige Höllen-Kar nicht auch noch zum Glutofen wird.

Trotzdem können wir nicht anders, als das überwältigende Panorama auch in der Morgensonne noch minutenlang zu genießen.

Peter und die Warnschilder haben nicht zu viel versprochen. Besonders die ersten 400 Höhenmeter abwärts sind grässlich und gefährlich. Jeder Tritt will wohl überlegt sein, sonst rutscht das Arschgeröll unter einem bzw. mit einem weg und man tritt Unmengen Steine auf die unter einem Steigenden los. Unser Abstieg gleicht einem vorsichtigen Vorantasten.

Allerdings kommen bald ein paar unbedarfte Tschechen von oben heruntergesprungen und werfen eine Ladung Steine auf uns. Zum Glück haben wir unsere Helme auf. Wir retten uns an die Seite und lassen die Jungs vorbei. Peter instruiert sie noch kurz über das richtige Verhalten in diesem Gelände...sie zeigen sich lernfähig.

Wir kommen langsam weiter, wundern uns noch über ein paar aufsteigende Wanderer ohne Helm und gelangen irgendwann auf festen, felsigen Untergrund.

Der Weg wird jetzt nicht unbedingt einfach – im Gegensatz zu gestern gibt es in dieser steilen Flanke selten ein Drahtseil zum Festhalten – aber immerhin sind nun die Tritte zuverlässig.

Als wir die Latschen erreichen, wissen wir, wir haben es geschafft. Der Rest ist Hatsch durch die brütend heißen Latschenfelder.

Oberhalb des Parkplatzes gibt es dann nichts Schöneres, als ein erfrischendes Bad in einer Viehtränke zu nehmen – herrlich! - bevor wir gegenüber in der gemütlichen Schenke einfallen.

Ihr könnt mir glauben, das erste kühle Radler hat richtig gezischt.

Wir fahren heim und sind sehr zufrieden mit uns und der Welt.
Was noch zu sagen bleibt: Danke, Peter, für drei unvergessliche Tage mit grandiosen Blicken in die imposante Bergwelt, wunderschöner Kletterei und einem lehrreichen Abstieg durchs A...geröll. Du hast uns wie immer umsichtig und sicher durch alle Schönheit und Unbill der Bergwelt geführt.

Einer nach dem anderen aufs Teufelshorn
Ameisenstraße auf den Teufelshörnern
Elke hat eines der sieben Teufelshörner hinter sich
Achtung! Hier geht es runter!
Sylvia macht das Tempo
Luis-Trenker-Steilwandschafe
Ronny hangelt sich rüber
Franz tanzt auf dem Seil
Jungfrau Peter wagt den Sprung
Ronny, Franz und Elke brüten in der Hitze
Wieder nur eines der vielen Hörner